Freitag, 22. März 2019

Betriebsklima Lügen für den Frieden

Am Arbeitsplatz wird regelmäßig gelogen - etwa, wenn der Kollege fragt, ob die furchtbar langweilige Präsentation gelungen war. Dann schwindeln viele um des lieben Friedens willen. Die Grenzen zwischen tolerierbarer Unwahrheit und knallharter Lüge müssen Arbeitnehmer allerdings genau kennen.

Hamburg/Greifswald - "Natürlich ist nicht jede Lüge gut. Aber Lügen sind insgesamt besser als ihr Ruf", sagt etwa die Psychologin Claudia Mayer. Es kommt immer darauf an, wozu sie benutzt werden.

Nicht jedermanns Sache: Statt klarer Worte bevorzugen viele faule Kompromisse
Lügen können Menschen verletzen, ihnen schaden, im Extremfall sogar bedrohlich werden, aber sie können all das auch verhindern. Viele Lügen werden sogar gezielt dazu eingesetzt, andere zu schützen - vor unangenehmen Wahrheiten zum Beispiel. "Man nennt das prosoziale Lügen", erläutert die Sachbuchautorin aus Hamburg. "Dabei geht es etwa darum, jemandem nicht wehzutun."

Statt dem Kollegen klar die Meinung über seine Langatmigkeit, seine nervigen Witze oder seinen schlechten Geschmack bei der Krawattenauswahl zu sagen, entscheidet sich die große Mehrzahl für Zurückhaltung. Und statt offen zuzugeben, keine Lust auf den gemeinsamen Gang in die Kantine zu haben, wählen diplomatische Kollegen den Hinweis auf die viele Arbeit, die das leider, leider unmöglich mache. Ehrlich ist das nicht, aber sozial - es hilft, Streit zu vermeiden und die Stimmung nicht zu trüben. Wer immer ehrlich sagt, was er denkt, stößt andere auch ständig vor den Kopf.

Daher sind solche Formen mangelnder Ehrlichkeit für den Zusammenhalt von Gruppen ausgesprochen wichtig. Kritik dezent zu verpacken, Komplimente zu machen, Gruppenmitglieder durch nicht hundertprozentig wahrheitsgemäße Aussagen zu schützen, steigere die "Gruppenkohäsion", erläutert der Psychologe Alfons Hamm von der Universität Greifswald. "Komplimente sind grundsätzlich nicht wahrheitsgebunden." Hamm warnt allerdings davor, allen Lügnern einen Freibrief auszustellen.

Lügenbold: Pinocchio
"Zunächst einmal darf man den Begriff nicht verwässern", warnt der Wissenschaftler. Wer auf eine Frage nicht vollständig seine tatsächliche Meinung offenbare, lüge damit noch nicht. Wer aber lügt, also mit voller Absicht die Unwahrheit sagt, um daraus Vorteile für sich zu ziehen, störe in der Regel das soziale Zusammenleben. "Der Lügner hat dabei ein Schamgefühl. Das ist schon bei Kindern so", sagt Hamm. Genau diesen Mechanismus machen sich Lügendetektoren zunutze: Beim Lügen reagiert der Körper messbar auf das gleichzeitige schlechte Gewissen.

Am Arbeitsplatz sei Lügen prinzipiell bedenklich: "Gruppen sind darauf angewiesen, dass sich die einzelnen Mitglieder ehrlich verhalten." Vertrauensvolle Zusammenarbeit sei schließlich weder mit Kollegen noch mit Vorgesetzten möglich, von denen zu befürchten ist, dass sie regelmäßig lügen.

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