Dienstag, 20. Februar 2018

Motivation Tödliche Langeweile

Nur zwei Stunden am Tag arbeiten und die restliche Zeit im Büro im Web surfen und telefonieren: Was für viele paradiesisch klingt, ist in Wahrheit ein Alptraum. Denn zu wenig Arbeit schadet nicht nur dem Unternehmen, sondern auch der Gesundheit des Mitarbeiters. Experten warnen vor dem Bore-out-Syndrom.

Zürich/Tübingen - Bore-out statt Burn-out - gemeint sind damit Verhaltensmuster, hervorgerufen durch Unterforderung, Desinteresse und Langeweile im Job. Die beiden Schweizer Autoren Philippe Rothlin und Peter Werder haben das Phänomen untersucht: "Oft trifft es Leute kurz nach der Ausbildung, die sich quantitativ oder geistig unterfordert fühlen", sagt Werder. Er verweist auf Studien, wonach nur rund 30 Prozent der Arbeitnehmer im deutschsprachigen Raum angeben, überfordert zu sein. "Es muss also unter den restlichen 70 Prozent Menschen geben, die nichts oder zu wenig zu tun haben", schlussfolgert er.

Bore-out: Zu wenig Arbeit ist ebenso ungesund wie zuviel
Fujitsu Siemens
Bore-out: Zu wenig Arbeit ist ebenso ungesund wie zuviel
Wer sich unterbeschäftigt fühlt, versuche meist zuerst, dies durch eine Beschwerde beim Vorgesetzen zu ändern. Nimmt der Arbeitsumfang aber trotzdem nicht zu, komme allmählich der Gedanke, dass es so schlecht nicht ist, wenig zu tun zu haben. Gefährlich sei dann aber die Feststellung: "Ich bin abends müde und ausgepumpt, weil ich zu wenig gemacht habe", sagt Autor Rothlin.

In der Folge verhalte sich der Bore-out-Betroffene paradox: Da sich kein Arbeitnehmer erlauben kann, am Schreibtisch Löcher in die Luft zu starren, entwickele er Strategien, um beschäftigt zu wirken, ohne es tatsächlich zu sein. Nicht jeder Kollege, der stets konzentriert auf seinen Bildschirm starrt und heftig in die Tasten haut, ist also wirklich ausgelastet. Dieses Versteckspiel, das den eigenen Arbeitsplatz sichern soll, sei "anstrengend und belastend" und damit schlecht für die Gesundheit, warnt Rothlin.

Anders als das Stressphänomen Burn-out ist der Bore-out nach Ansicht der beiden Autoren bislang nicht hinreichend untersucht. Sie halten ihn aber für ähnlich bedrohlich. Kurt Stapf von der Universität Tübingen ist dagegen skeptisch. Auch der Burn-out komme viel seltener vor als gemeinhin angenommen. "Vorsicht bei neuen Begriffen, die noch nicht wissenschaftlich fundiert sind", mahnt der Psychologie-Professor, der sich mit dem Phänomen "innere Kündigung" befasst hat.

Zwar sei es für das Wohlergehen eines Menschen von großer Bedeutung, welcher Tätigkeit er nachgeht, räumt Stapf ein. "Menschen definieren sich durch Arbeit, sie gewinnen so ihre Wertschätzung." Mit Blick auf den von Werder und Rothlin geprägten Terminus Boreout spricht er jedoch von "Wortgeklingel".

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