Dienstag, 24. Mai 2016

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Unternehmenskultur "Führen heißt dienen"

Mit Klöstern haben affärengeplagte Konzerne wie Siemens oder Volkswagen nichts gemein - auf den ersten Blick zumindest. Im Interview erklären Berater und Ex-Mönch Anselm Bilgri und sein Partner Jürgen Schott, was Manager vom Benediktinerorden lernen können - und warum sie sich mäßigen sollten.

mm.de: Herr Bilgri, was haben ein Manager und ein Benediktiner gemein?

Bilgri: Benedikt von Nursia hat im sechsten Jahrhundert ein Organisations- und Führungshandbuch geschrieben. Die Benediktinerregel "ora et labora", bete und arbeite, ist die Grundlage für den heutigen Gedanken der Work-Life-Balance. Sie ist also auch außerhalb eines Klosters anwendbar.

Anselm Bilgri, Jahrgang 1953, war 29 Jahre lang Benediktiner-Mönch im bayerischen Kloster Andechs. Jahrelang leitete er die dortigen Wirtschaftsbetriebe und machte Andechs als Marke bekannt - der Name steht heute auch für Bier, Gastronomie und Orff-Festspiele. Außerdem hielt Bilgri im Kloster Führungsseminare für Manager ab. Nach Ansicht einiger Mönche entwickelte sich das Kloster zu weltlich, 2004 zog sich Bilgri aus dem Ordensleben zurück. Heute betreibt er in München das "Zentrum für Unternehmenskultur" und berät mittelständische Unternehmen, aber auch Konzerne wie Allianz, BMW oder Siemens.
Von den strengen Vorschriften, die Benedikt dem Abt macht, kann sich eine Führungskraft sehr viele Scheiben abschneiden. Als eine der Haupttugenden beschreibt Benedikt die Demut - eine Eigenschaft, die jeder Mitarbeiter eines Unternehmens haben muss. Ich übersetze die Demut mit zwei moderneren Begriffen: der Bodenhaftung und der Bereitschaft zum Dienen. Führen heißt dienen.

mm.de: Was bedeutet das?

Bilgri: Eine Führungskraft muss zunächst jedem einzelnen Mitarbeiter gerecht werden, ihm richtig zuhören und auf ihn eingehen. Benedikt sagt über den Abt: "Er wisse, dass er mehr helfen als herrschen soll". Außerdem muss der Manager sich dem gemeinsamen Unternehmensziel verpflichten. Viele Führungskräfte denken jedoch, das Unternehmen müsse ihnen dienen statt umgekehrt.

mm.de: In einem Buch schreiben Sie, ein Manager müsse erst die geistige Reife erlangen, bevor er eine Führungsaufgabe übernimmt. Was meinen Sie damit?

Bilgri: Ein Manager braucht Erfahrung und die nötige innere Ruhe. Mir genügt es nicht, wenn Führungskräfte mit reinem Zahlen- und Faktenwissen von der Universität kommen und dann meinen, Menschen führen zu können. Es ist ein Fehler, zu denken, dass ein fachlich kompetenter Manager sich auch automatisch für die Personalführung eignet. Denn das ist eine Kunst, die erlernt werden muss - und auch trainiert werden kann.

Besonders wichtig ist, dass Manager auch gelegentlich innehalten und sich eine Atempause gönnen - selbst wenn es nur für eine Viertelstunde ist. Sie müssen sich zeitweilig aus dem Hamsterrad ihrer Führungsaufgaben, an denen sie oft zu ersticken drohen, an einen ruhigen Ort zurückziehen. Man muss immer wieder über die eigenen Ziele und die des Unternehmens nachdenken. Das sind Atempausen für den Geist, in denen der Manager sich auf das Wesentliche besinnen kann.

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