Mittwoch, 27. Juli 2016

Neven DuMont "Das Richtige im richtigen Moment"

Der Verleger Reinhold Neven DuMont feiert seinen 70. Geburtstag. Sein älterer Bruder Alfred erbte einen Verlag, er selbst startete an der Spitze von Kiepenheuer & Witsch mit der Herausgabe von zweier aufsehenerregender Werke - von Gabriel García Márquez und Günter Wallraff.

Köln - Auf Papier gedruckte Worte hat er unter die Leute gebracht - auf den ersten Blick ist der Kölner Verleger Reinhold Neven DuMont damit der Tradition seiner Familie gefolgt. Aber Worte kann man auf Zeitungspapier drucken oder auf Buchseiten - für den Tag oder für die Ewigkeit. Und Neven DuMont, der lange Jahre Eigentümer des renommierten Verlags Kiepenheuer & Witsch war und am Sonntag (12. November) 70 Jahre alt wird, lässt keinen Zweifel daran, welchem Medium seine Liebe gehört: "Bücher riechen gut, Zeitungen nicht. Mit Büchern umgeben sich die Menschen, aber ich kenne niemanden, der gerne mit Zeitungsstapeln lebt. Die gelesene Zeitung schmeißt man weg, ein Buch kann man nicht wegwerfen."

Böll, Márquez, Naipaul: Seit 1969 ist Neven DuMont Alleininhaber von Kiepenheuer & Witsch
Neven DuMont wurde 1936 in Köln in eine Zeitungsverleger-Dynastie geboren. "Es wurde immer der älteste Sohn zum Nachfolger des Vaters, und wenn es noch einen anderen Sohn gab, musste der sich für seinen Lebensweg etwas anderes einfallen lassen." Reinhold Neven DuMont war dieser "andere Sohn". Sein neun Jahre älterer Bruder Alfred Neven DuMont baute den Verlag M. DuMont Schauberg ("Kölner Stadt-Anzeiger", "Frankfurter Rundschau" und andere) zur Mediengruppe aus.

Reinhold Neven DuMont studierte Soziologie, Geschichte und Literatur und volontierte bei den Verlagen Kösel und DTV. 1963 wurde er mit 27 Jahren Assistent von Josef Caspar Witsch. Zu dessen Verlag gehörten schon Joseph Roth, Heinrich Böll, Wolfgang Leonhard und Erich Maria Remarque. Witsch starb 1967. Neven DuMont übernahm die Führung von Kiepenheuer & Witsch und wurde 1969 Alleininhaber.

Ohne Kalkül kein Erfolg

Es war eine schwierige Zeit. "Da wurde die Literatur von manchen 68ern totgesagt. Aber der Tod hat nur kurz angedauert, dann kam die Literatur mit Macht zurück", sagt Neven DuMont. Gefragt waren aber neue Bücher: "Nicht mehr das in Leder gebundene Vorzeigebuch in der elterlichen Bibliothek, das alle zwei Monate abgestaubt wird. Mit einem Mal standen die Fenster offen, frische Luft kam in die Räume, alles war möglich, alles wurde diskutiert."

In diese Atmosphäre platzte der junge Verleger mit zwei Autoren, die zugleich denkbar verschieden waren und doch einschlugen, als hätte man auf sie gewartet. Er brachte "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez und die "13 unerwünschten Reportagen" von Günter Wallraff heraus. Die Frage, ob dieser fulminante Start auch auf Kalkül beruhte, wandelt Neven DuMont leicht ab: "Ein Verleger muss auch kalkulieren. Er muss das Richtige im richtigen Moment tun. Wenn er das Richtige im falschen Moment tut, geht es schief."

Neven DuMont hatte Erfolg, aber er macht davon kein Aufhebens. Böll, García Márquez und V.S. Naipaul waren seine Autoren, lange bevor sie den Nobelpreis bekamen, aber das erwähnt er kaum. Er hat mit vielen Literatur-Stars zu tun, ist aber froh, dass er selbst nie zum Star wurde. García Márquez kannte in Deutschland niemand, bevor Neven Du Mont ihn verlegte, aber seine Entdeckung schreibt er sich nicht auf die Fahnen: "Der Übersetzer Curt Meyer-Clason erzählte mir von diesem kolumbianischen Autor. Er hatte wirklich Feuer gefangen, und so ein Funken springt dann auch über. Ein Verleger muss fähig sein, sich von Begeisterung anstecken zu lassen."

Mehrheitsverkauf an Holtzbrinck

Den Autoren gefiel, dass ihr Verleger als Eigentümer allein entscheiden konnte. Und dennoch verkaufte Neven DuMont vor fünf Jahren 85 Prozent seiner Anteile an die Holtzbrinck-Gruppe. Er ist überzeugt, dass ein mittelgroßer Verlag wie Kiepenheuer & Witsch die Sicherheit der Holding braucht. "Du musst sehen, dass du Erfolge vorzuweisen hast, dann hast du freies Spiel", gab er Helge Malchow, seinem Nachfolger als verlegerischer Geschäftsführer, mit auf den Weg. Die Holding habe nie ins Verlagsprogramm hineinregiert, beteuern beide. "Man weiß heute, dass Verlagsgruppen nur funktionieren, wenn die Verlage autonom operieren können", sagt Malchow.

Reinhold Neven DuMont - er war verheiratet und hat zwei Töchter -bleibt offen für Neues: Er zog vom Land in die Kölner Innenstadt, verbringt viel Zeit in Frankreich, schrieb eine "Gebrauchsanweisung für Köln" (Verlag Piper), lehrte an Universitäten und engagiert sich weiter für das von ihm initiierte Kölner Literaturhaus.

dpa

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