Donnerstag, 17. Januar 2019

Leadership-Kolumne Braucht das Land neue Führungskräfte?

Für Unternehmen wird es immer schwieriger, die passenden Führungskräfte zu finden. Ist ein neuer Managerprototyp gefragt? Oder war die Generation der Vorgänger einfach fähiger?

Früher war alles besser. Sagt der Volksmund - meist ein wenig sehnsüchtig. Glaubt man der öffentlichen Kritik an zahlreichen Topmanagern, dann gilt dies auch für die Qualität der Führungselite in den deutschen Unternehmen.

Christian Jerusalem (44) ist Senior Client Partner des deutschen Büros von Korn/Ferry International in Frankfurt und dort im Bereich Leadership Development Solutions verantwortlich tätig.

Davor hat er zehn Jahre lang in der Dienstleistungsbranche und bei einem namhaften Konsumgüterhersteller verantwortliche Rollen im Marketing und Business Development ausgeübt.

Ja, es stimmt. Neue Führungskräfte braucht das Land. Permanent und überall. Aber wir sollten sie nicht in der Vergangenheit suchen. Oder glaubt jemand im Ernst, dass die Herren Schwarz-Schilling, Krupp oder Abs in der Lage gewesen wären, ohne Personalumbau und Kapitalmarktorientierung ihre Unternehmen auf den Weltmarkt vorzubereiten?

Wären sie fähig gewesen, die Deutsche Post vom ehemals staatlichen Behördenapparat zu einem zentralen und erfolgreichen Player in den globalisierten Logistikmärkten zu führen? Hätte sie den Konzernumbau von ThyssenKrupp oder der Deutschen Bank lautlos durchsetzen oder die Umwälzungen der Telekom erfolgreich vorantreiben können? Wäre ein Herr Schrempp mit seinem Büro wieder in die Mercedes-Zentrale gezogen?

Zweifel sind erlaubt. Aber das ist kein Vorwurf. Ob nun früher alles besser war oder nicht: Es ist nicht vergleichbar. Kaum ein Manager wird noch die Zeit haben, ein "Lebenswerk" zu vollenden. Was zählt, ist die Frage, ob die jeweiligen Führungsfähigkeiten zur Vertragslaufzeit passen. In dieser Zeitspanne - abhängig von der Situation und der Strategie des Unternehmens - wird das Urteil gefällt.

Lob der stillen Manager

Was hängen bleibt, sind manchmal Bilanzskandale oder Lustreisen oder Geschichten von der "Welt-AG". Aber sehr oft sind es eben auch grandiose Erfolge, die den Unternehmen und ihren Mitarbeitern völlig neue Zukunftsperspektiven in sich radikal veränderten Märkten eröffneten.

Dieser Paradigmenwechsel im Rollenverständnis von Topmanagern hat auch eine andere Zuspitzung zur Folge: Unternehmen können es sich immer weniger leisten, wichtige Führungspositionen nicht adäquat zu besetzen. Die Folgekosten von Fehlbesetzungen sind kaum mehr abschätzbar. Erschwerend kommt hinzu, dass die Führungskräfte von heute und morgen nicht nach Schablone beurteilt werden können.

Weder sind Eigenschaften wie kommunikativ, entscheidungs- und umsetzungsstark, motivierend oder teamorientiert Erfindungen der Neuzeit, noch sind sie ausreichend. Auch der Charismatiker an der Spitze des Unternehmens bedeutet Unheil, wenn ihn alle mit Zuversicht in den Abgrund begleiten. So zeigen Untersuchungen, dass viele der erfolgreichsten Unternehmen in den letzten 50 Jahren eher von zurückhaltenden oder stillen Managern geführt worden sind.

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