Montag, 10. Dezember 2018

Managerhaftung "Daumenschrauben angezogen"

Michael Hendricks, Düsseldorfer Anwalt und Experte für D&O-Versicherungen, spricht im Interview mit manager-magazin.de über Schadenersatzrisiken für Führungskräfte, zahlungsunwillige Assekuranzen und den schwierigen deutschen D&O-Markt.

mm.de: Herr Hendricks, vor zwölf Jahren waren Sie einer der Ersten, die Manager über "Directors and Officers Liability"-Versicherungen (D&O) beraten haben. Wie kam es dazu?

Risiko Managerhaftung: Worauf Führungskräfte bei D&O-Policen achten sollten
[M] DPA; manager-magazin.de
Risiko Managerhaftung: Worauf Führungskräfte bei D&O-Policen achten sollten
Hendricks: 1994 sprach mich der Deutschland-Chef einer amerikanischen Firma auf das Thema an. Ich habe mir verschiedene Angebote besorgt und festgestellt, dass diese durchweg nicht mit dem deutschen Gesellschaftsrecht kompatibel waren. In diesen Policen wurde die Innenhaftung ausdrücklich ausgenommen, also die Inhaftungnahme von Vorständen durch den Aufsichtsrat.

In Deutschland geht es aber in neun von zehn D&O-Fällen um Innenhaftung. Das waren also Mogelpackungen. Daraufhin habe ich mich selbstständig gemacht und eigene Versicherungspolicen entworfen. Heute schicken bundesweit 300 Versicherungsmakler ihre Kunden mit D&O-Fragen zu uns; unser Marktanteil an diesen Policen liegt bei gut 10 Prozent. Und zehn große Versicherungsgesellschaften, darunter Axa Börsen-Chart zeigen, AIG Börsen-Chart zeigen und Chubb Börsen-Chart zeigen, akzeptieren die von uns entwickelten Bedingungen für eine D&O-Police.

mm.de: Was ist das Besondere an diesen Bedingungen?

Hendricks: Zwischen Pflichtverletzung des Vorstands, Schadenentstehung und Schadenmeldung können manchmal viele Jahre liegen. Deshalb schreiben wir beispielsweise so genannte unverfallbare Nachmeldefristen in die Policen, für den Fall, dass sich die Versicherungsbedingungen ändern. Diese Policen gewährleisten die Deckung im ursprünglichen Umfang - aber natürlich nur für Schäden, die vor der Vertragsänderung entstanden sind. Oder wir legen ganz genau fest, was als Vermögensschaden gilt, so dass es hinterher keine langwierigen Diskussionen gibt. Ähnliche Auslegungsvereinbarungen schreiben wir auch bei der Frage des Vorsatzes rein, mit dem Versicherer häufig argumentieren, wenn sie nicht zahlen wollen.

mm.de: Aber eine D&O-Versicherung zahlt doch sowieso nicht, wenn der Manager seine Pflichten vorsätzlich verletzt hat?

Hendricks: Genau, deshalb ist die Vorsatzfrage so ein beliebtes Argument im Schadensfall. Aber der Knackpunkt ist doch, wie ich "Vorsatz" definiere. Ein Beispiel: Der Geschäftsführer einer kleinen GmbH darf seinen Kunden Zahlungsaufschub bis 100.000 Euro gewähren. Höhere Beträge muss er mit dem Vorstand der Muttergesellschaft absprechen. Er hat einen Kunden, den er seit 30 Jahren kennt und gibt ihm einen Zahlungsaufschub über 150.000 Euro.

Das hat er schon öfter gemacht, jedes Mal kam das Geld problemlos rein. Nun geht der Kunde Pleite und kann nicht zahlen. Eigentlich ein klarer Haftungsfall, aber jetzt kommt die Versicherung und sagt: "Lieber Geschäftsführer, Sie haben vorsätzlich gegen die Richtlinien verstoßen, deshalb zahlen wir nicht." Das kann natürlich nicht sein, denn der Geschäftsführer wollte das Unternehmen ja nicht schädigen, sondern im Gegenteil einen guten Kunden und ein gutes Geschäft halten - zu Gunsten des Unternehmens.

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