Donnerstag, 17. Januar 2019

Glücksspiel Jäger des Zufalls

Christian Kaisan hat erreicht, wovon tausende träumen - als "Kesselgucker" gewann er Millionen beim Roulette. Sein Credo: Gewinnen hat wenig mit Glück zu tun. Aber viel mit harter Arbeit.

Ein sanftes Zischen - mit gekonntem Schwung zieht der Croupier die bunten Jetons über den grünen Filz und stapelt sie vor sich zu ordentlichen Türmchen. Die Bank hat gewonnen. Aber der Herr mit den gegelten grauen Haaren nippt nur kurz am doppelten Espresso, bevor er wieder setzt, wieder 500 Euro, wieder auf die 19.

 "Ich bin kein Spieler. Spieler haben sich nicht unter Kontrolle." "Kesselgucker" Kaisan
Manfred Witt
"Ich bin kein Spieler. Spieler haben sich nicht unter Kontrolle."
"Kesselgucker" Kaisan

Der Croupier schießt die Kugel ab, sie schnurrt entlang der Kesselbande, knackt und klackert wie ein fernes, kleines Sommergewitter und landet auf der 21. Der Croupier zückt den Jetonrechen, der Gegelte bestellt einen weiteren Espresso und neue Spielchips.

Der Mann, der binnen 20 Minuten gut 5000 Euro verloren hat, ist einer jener "Zocker, Spieler, Dilettanten", über die Christian Kaisan (62) nur die Nase rümpft: Setzt zu schnell, kann nicht rechtzeitig aufhören. Denn eines muss der Roulettespieler Kaisan gleich klarstellen: "Ich bin kein Spieler. Spieler haben sich nicht unter Kontrolle." Kaisan spielt nicht Roulette. Er arbeitet.

Christian Kaisan ist Profi, er lebt vom Roulette. Rund vier Millionen Euro, sagt er, habe er in den vergangenen 20 Jahren gewonnen. Er konnte sich davon ein schmuckes Einfamilienhaus bei Hamburg kaufen, eine Platinuhr, einen Zwölf-Zylinder-BMW, einen Ferrari, einen Lamborghini und ein Wasserschloss. Die Restaurierung hat ihn fast drei Millionen Mark gekostet. Manchmal gewann Kaisan 10.000 pro Abend, wochenlang, steuerfrei.

Er kennt alle deutschen Kasinos, hat in Australien, Malaysia, Argentinien, Südafrika gespielt. Und in Las Vegas natürlich.

Seit zwei Jahren rasiert Kaisan sich eine Glatze, die schwarze Metallbrille sitzt auf einer Adlernase. Der begeisterte Radler, braun gebrannt und durchtrainiert, trägt schwarze Jeans und ein schwarzes Polo-Shirt mit dem "Bellagio"-Schriftzug, sein Lieblingskasino in Vegas. Kaisan sitzt in der Sky-Bar des Fünf-Sterne-Hotels "Neptun" irgendwo an der Ostsee und rührt braunen Kandis in seinen friesischen Tee. Von hier oben kann er die Spielbank sehen. Rein darf er nicht. Spielverbot.

In 60 der 76 deutschen Kasinos ist "der Sachse", wie er in der Szene genannt wird, offiziell gesperrt. Kaisan habe betrogen, sagen die Spielbanken. Er habe zu viel gewonnen, sagt Kaisan. Die Croupiers hatten ihn auch hier zunächst noch freundlich begrüßt; sie schätzen seine Trinkgelder.

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