Freitag, 16. November 2018

Götz Werner Gegen den Strom

Der Anthroposoph und Selfmade-Milliardär Götz Werner leitet die dm-Drogeriemärkte wie Waldorfschulen und wappnet sich mit sanften Weisheiten für einen harten Wettbewerb. Doch reichen Güte und Goethe allein zum Erfolg?

Die Wunderwaffe ist zehn Zentimeter lang und aus Stahl: eine Stimmgabel. Götz Werner bedient sich des Klangkörpers, wenn er nach innerer Ruhe sucht - zum Beispiel, wenn jemand am Telefon mal etwas lauter oder anstrengend wird.

Schöngeist und Kraftmeier:
Der Anthroposoph und Selfmade-Milliardär Götz Werner wappnet sich mit sanften Weisheiten für einen harten Wettbewerb.
In solchen Momenten schlägt er die Stimmgabel an die Kante seines Schreibtischs und hält sich die schwingenden Metallzinken ans Ohr. Den Misstönen der Wirtschaftswelt setzt Werner ein perfektes A entgegen. "In jedem Mann", entschuldigt er seinen Spleen, "steckt ein Kind."

In diesem Fall ist das Kind 62 Jahre alt, weißhaarig und Gründer der dm-Gruppe (Umsatz: rund drei Milliarden Euro), der - hinter Schlecker - zweitgrößten Drogeriemarktkette der Republik.

Götz Werner sitzt an diesem Tag in seinem schlichten Büro am Stadtrand von Karlsruhe und widerspricht nicht nur dem Klischee, sondern auch den Denkmustern des Marktwirtschaftens: "Es ist ein fataler unternehmerischer Fehler, wenn man immer nur auf Wachstum fixiert ist."

Von seinen rund 23.000 Beschäftigten in den ungefähr 1640 Filialen erwartet Werner Größeres: dass sie sich Gedanken machen über Sortiment und Preise; dass seine Lehrlinge Theaterseminare besuchen und den Prolog aus Goethes Faust einstudieren: "Er ist sich seiner Tollheit halb bewusst / Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne."

Der Drogist glaubt, dies komme dem Selbstbewusstsein, aber natürlich auch der Abverkaufe zu Gute. "Hier bin ich Mensch, hier kauf' ich ein", lautet der Werbeslogan des Hauses. Mit Goethe für Deos und Damenbinden. Doch die Weisheiten des Dichterfürsten allein reichen kaum aus, ein Milliardenunternehmen zu führen.

Gewiss, Werner schwört auf die Ideen des Anthroposophen und Begründers der Waldorf-Pädagogik, Rudolf Steiner, der die so genannte innere Formung des Menschen über den so genannten äußeren Wissenserwerb stellt. Aber natürlich ist Götz Werner in erster Linie Geschäftsmann und den spröden Gesetzen des Soll und Haben unterworfen: Er ist einer, der scharf kalkuliert und der sich einen erbitterten Wettbewerb mit Schlecker, Rossmann und anderen liefert.

Obendrein hat der Mann ein glänzendes Gespür fürs Sortiment und gilt als exzellenter Preisdrücker. Kleinere Konkurrenten verscheucht er wie Vögel aus dem Obstgarten oder frisst sie auf, wie jüngst 37 Filialen von Idea.

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