Sonntag, 19. August 2018

Eliteuni Cambridge Jagd auf Talente

Internationale Unternehmensberatungen umwerben gezielt Absolventen britischer Eliteunis. Nahezu wöchentlich laden McKinsey & Co. zu Banketten und verteilen Visitenkarten. Dabei machen schon mal Gerüchte über wahre Traumgagen die Runde.

"Wir haben unser Leben immer wieder hinausgezögert. Wir sind diejenigen, die nach der Schule auf die Uni gegangen sind, die gelernt haben, während andere auf Partys waren. Und jetzt leben wir immer noch wie Studenten von der Hand im Mund", klagt Tatyana, deren Gesicht plötzlich sehr entschlossene Falten wirft. "Ich bin jetzt Mitte zwanzig und habe mein ganzes Leben lang hart gearbeitet, auf irgendein Ziel hin, das immer weit weg war. Aber irgendwann reicht es. Jetzt reicht es. Erntezeit!"

Wren-Bibliothek in Cambridge: Alternativen zur Wissenschaft locken
Benedikt Mandl
Wren-Bibliothek in Cambridge: Alternativen zur Wissenschaft locken
Tatyana ist Amerikanerin, stammt aus Sibirien und studiert in Cambridge. Im nächsten Sommer wird sie in Biochemie promovieren, als "Gates Scholar". Deshalb sitzt sie jetzt mit knapp einem Dutzend anderen Stipendiaten der Cambridge Gates Stiftung in einem Bus und reflektiert etwas bitter über ihre Karriereaussichten: Eine akademische Laufbahn würde befristete Dienstverhältnisse für die nächsten zehn Jahre bedeuten, dazu viel Arbeit für wenig Geld, von zermürbend eintönigen Labortätigkeiten ganz zu schweigen.

Da locken die Alternativen zur Wissenschaft. Eine der attraktivsten Lösungen heißt Consultancy, Unternehmensberatung. Die internationalen Berater nehmen gezielt britische Eliteunis ins Visier. Großbritannien, so wird von elitär gesinnten Recruitern gern gespöttelt, hat zweieinhalb Universitäten: Oxford, Cambridge und das Imperial College in London. Für die Wirtschaftswelt von Interesse ist darüber hinaus noch die London School of Economics, kurz "LSE". Studenten anderer Unis werden zwar berücksichtigt, müssen sich aber oft selbst um Kontakt bemühen.

Boutique oder Großunternehmen?

Oxbridge-Studenten dagegen können sich vor Avancen kaum retten. Manche Beratungsunternehmen wie McKinsey, die Boston Consulting Group und Bain sind ganzjährig präsent und verstärken im Herbst und Winter zusätzlich ihre Bemühungen. Im November kommen noch zahlreiche Firmen aus London hinzu, die sich selbst als "Boutique-Berater" bezeichnen, um sich über ihren geringen Bekanntheitsgrad hinweg zu trösten.

Fast wöchentlich laden sie zu Banketten. Nach Dessert, Kaffee und Portwein tischen sie Versprechungen von der glitzernden Welt der Londoner City auf - von dort sei es nur ein kleiner Hüpfer in die fernsten Länder. Geschäftsreisen nach Singapur, Hongkong oder New York seien selbst für Einsteiger an der Tagesordnung.

Ehe die Damen und Herren in Maßanzügen wieder gen London verschwinden, verteilen sie noch eifrig Visitenkarten. Sie haben meist selbst bis vor ein paar Jahren in Cambridge oder Oxford studiert. Doch der studentische Habitus geht in der Business-Class schnell verloren. "Personal Development" heißt das in der Beratersprache.

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