Freitag, 21. Juli 2017

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Kreativität "Heureka, ich hab's gefunden"

Wer kreativ sein will, muss sein Gehirn praktisch überlisten, sagt Ernst Pöppel. Für manager-magazin.de beschreibt der Hirnforscher, wie man geistigen Müll beseitigt, Kreativität fördert und die eigene Leistung sichert.

München - Kreativität ist eine Sache des Gehirns, also muss man zunächst einen Blick auf die Informationsverarbeitung im Gehirn werfen. Erst dann können wir verstehen, wie sich im Arbeitsleben Leistung sichern, Kreativität fördern und Zufriedenheit erhöhen lässt.

  Professor Ernst Pöppel  (64), Chef des Münchener Instituts für Medizinische Psychologie (IMP), studierte Psychologie und Zoophysiologie. 1974 habilitierte er an der Universität München im Fach Sinnesphysiologie und 1976 für Psychologie in Innsbruck. Sein Gastbeitrag für manager-magazin.de ist die stark gekürzte Fassung eines Vortrags über das Büro als Ort der Kreativität, den der Hirnforscher für den Waldshuter Möbelhersteller Sedus Stoll gehalten hat.
Enno Kapitza
Professor Ernst Pöppel (64), Chef des Münchener Instituts für Medizinische Psychologie (IMP), studierte Psychologie und Zoophysiologie. 1974 habilitierte er an der Universität München im Fach Sinnesphysiologie und 1976 für Psychologie in Innsbruck. Sein Gastbeitrag für manager-magazin.de ist die stark gekürzte Fassung eines Vortrags über das Büro als Ort der Kreativität, den der Hirnforscher für den Waldshuter Möbelhersteller Sedus Stoll gehalten hat.
Zunächst: Alle Funktionen des Gehirns sind durch evolutionäre Selektionsprozesse entstanden, was bedeutet, dass Funktionen durch neuronale Programme im Gehirn bereitgestellt werden.

Unsere Wahrnehmungen, Erinnerungen, Gefühle oder Bewegungen, unser Denken, Handeln, Wollen oder Entscheiden, alles, was mit unserem Bewusstsein und unserem Selbstgefühl zu tun hat, jegliche Form der Kreativität wird durch spezifische neuronale Prozesse im Gehirn ermöglicht.

Wie viele Zellen benötigt das Gehirn für seine verschiedenen Aufgaben? Es gibt mindestens 100 Milliarden Nervenzellen, vielleicht sind es sogar eine Billion. Und wie wird Information in diesem neuronalen Netz verarbeitet?

Jede Nervenzelle hat Kontakt mit mindestens 10.000 anderen. Dies bedeutet, dass 10.000 Nervenzellen von einer Nervenzelle beeinflusst werden können (Prinzip der Divergenz), und dass jede Nervenzelle von 10.000 Nervenzellen beeinflusst werden kann (Prinzip der Konvergenz). Diese Kontaktaufnahme kann erregend (Prinzip der Exzitation) oder hemmend (Prinzip der Inhibition) sein.

Mit den strukturellen Prinzipien von Divergenz und Konvergenz und den funktionellen Prinzipien von Exzitation und Inhibition sind jene Mechanismen der Innformationsverarbeitung angesprochen, die für alle Gehirne, also nicht nur das menschliche, gelten.

Aber, obwohl es sehr viele Nervenzellen im Gehirn gibt, sind seine Mechanismen der Verarbeitung auch durch funktionelle Nähe gekennzeichnet. Jede Nervenzelle ist nicht weiter als vier Stationen von jeder anderen Nervenzelle entfernt. Diese funktionelle Nähe bedeutet, dass alles mit allem engstens verbunden ist.

Allein aus der Architektur des Gehirns leitet sich die Feststellung ab, dass ein Wahrnehmen ohne ein gleichzeitiges Erinnern und gefühlsmäßiges Bewerten oder ein Erinnern ohne ein gefühlsmäßiges Bewerten oder ein kreatives Denken ohne einen Erinnerungsbezug oder ohne eine emotionale Bewertung nicht möglich ist. Die Architektur des Gehirns mit seinen Vernetzungen erzwingt geradezu funktionelle Bezüge innerhalb des gesamten psychischen Repertoires.

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