Freitag, 23. Februar 2018

Peter Drucker im Porträt Über den Tag hinaus

Wie kein anderer prägte der Altmeister der Managementlehre die Theorien der vergangenen Jahrzehnte. Den Novizen der Branche macht Peter Drucker das Leben schwer - kaum etwas, das er nicht gesagt, keine Mode, die er nicht überlebt hätte. Heute wird Drucker 95 Jahre alt. Hermann Simon schildert Einsichten aus Begegnungen mit ihm.

Bonn - In der jüngeren Vergangenheit durfte ich Peter Drucker mehrfach an seinem Wohnsitz in Claremont bei Los Angeles besuchen. Seit Jahren korrespondieren wir zu Managementthemen. Aus diesen Begegnungen und Diskussionen habe ich Einsichten gewonnen, die in vielfachem Widerspruch zu den ständig wechselnden Moden stehen, die für die moderne Managementliteratur und -entwicklung charakteristisch sind. Ausgewählte dieser Einsichten möchte ich mit dem Leser in dem vorliegenden Artikel teilen.

Die meisten Managementmoden sind unsinnig und irreführend: Peter F. Drucker

In den letzten zwanzig Jahren hat es eine stürmische Entwicklung der Managementliteratur gegeben, das gilt für Bücher und noch stärker für Zeitschriften. Ein durchgängiges Merkmal dieser Entwicklung besteht darin, dass die jeweiligen Autoren ständig neue Moden, Schlagwörter und Patentrezepte als "die" Problemlösung offerieren. Reengineering, Total Quality Management, Zeitwettbewerb, Outsourcing, Benchmarking, Kernkompetenz oder ähnliche Konzepte werden jeweils als der Weisheit letzter und einziger Schrei mit großem Getöse präsentiert und durch aktuelle Fallstudien - scheinbar über jeden empirischen Zweifel erhaben - untermauert.Derzeit ist das Schlagwort von der "Revolution" des Gurus Gary Hamel die Sau, die durch die Managementdörfer getrieben wird. In einem amerikanischen Unternehmen, in dem ich etwa zehn Jahre im Aufsichtsrat war, musste ich feststellen, dass diese Konzepte minutiös umgesetzt wurden - der Prozess begann jeweils etwa drei bis sechs Monate nach breiter Publikation und meist unkritischer Aufnahme der Rezepte. Deutsche Manager und Unternehmen erweisen sich als deutlich nüchterner und moderesistenter.

Die meisten Managementmoden sind unsinnig

Die vielleicht wichtigste Einsicht, die ich von Peter Drucker und aus meinen eigenen Erfahrungen gelernt habe, besteht darin, dass die weitaus meisten dieser Managementmoden unsinnig und irreführend sind, insbesondere gilt dies bei einseitiger und übertriebener Anwendung. Demgemäß verblassen die angeführten Paradebeispiele auch meist nach wenigen Jahren. Schaut man in die Literatur der achtziger Jahre, so war IBM das allseits bewunderte und als Kronzeuge angeführte Superunternehmen (etwa für Kundennähe). Anfang der neunziger Jahre, beispielsweise in dem Bestseller "The Machine that changed the World", gab es weltweit niemanden, der den japanischen Autoherstellern das Wasser reichen konnte. Die Zukunft schien endgültig entschieden.Etwas später fungierten dann Computerfirmen wie Hewlett-Packard, Compaq oder Dell als Vorbilder, an denen sich der Rest der Welt orientieren sollte. In noch jüngerer Vergangenheit schienen Nokia oder Cisco den Stein der Weisen gefunden zu haben und allen anderen den Weg zu zeigen. Heute stecken diese Firmen mehr oder minder tief in der Krise.

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