Freitag, 16. November 2018

Moorhuhn-Prozess "Was am Neuen Markt gemacht wurde, war völlig verrückt"

Sechs Ex-Manager des Computerspiele-Herstellers Phenomedia müssen sich seit Dienstag vor dem Landgericht Bochum verantworten. Die Liste der Vergehen, die ihnen die Staatsanwaltschaft vorwirft, ist lang: Sie beinhaltet Betrug, Untreue, Urkundenfälschung, Insiderhandel sowie Steuerhinterziehung - und Erpressung.

Bochum - Rund zweieinhalb Jahre nach dem Börsencrash von Phenomedia Börsen-Chart zeigen müssen sich die Macher des Moorhuhn-Computerspiels seit Dienstag in Bochum vor Gericht verantworten.

" ... vielleicht sogar krank" Phenomedia-Gründer Markus Scheer
Angeklagt sind drei Ex-Vorstände, eine Buchhalterin und zwei Manager von Tochterfirmen. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, rund 15 Millionen Euro in die Phenomedia-Bilanzen eingebaut und den Kurs der Aktie damit illegal in die Höhe getrieben zu haben. Am Rande des Prozesses hat Ex-Phenomedia-Chef Markus Scheer (34) bereits Fehler eingestanden. Er sagte: "Was am Neuen Markt gemacht wurde, war völlig verrückt, vielleicht sogar krank."

Schubkarrenweise hätten die Banken damals Geld in sein Unternehmen gekarrt. Man habe sich groß gefühlt aber schlecht beraten lassen. Auf ihre Frage, ob ein börsennotiertes Unternehmen nicht ein Senior- Management brauche, hätten ihnen die Kredit-Institute folgenden Ratschlag gegeben: "Holen sie sich ja keine alten Säcke an Bord, der Neue Markt will junge Köpfe sehen." Und genau das hätte man dann auch befolgt. Was nach Scheers Meinung rückblickend ein großer Fehler war.

In der Anklageschrift ist immer wieder von gefälschten Gewinn- und Verlustrechnungen, Insidergeschäften und Luftbuchungen die Rede. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft hat die Bochumer Phenomedia AG ihre Anleger und Geschäftspartner mit falschen ad-hoc-Mitteilungen und geschönten Jahresabschlüssen zwischen 1998 und 2002 systematisch über die wahre Finanzkraft des Unternehmens getäuscht.

Markus Scheer - nur ein unschuldiger Computerfreak?

Fünf der sechs Angeklagten sollen sich außerdem persönlich bereichert haben. Im Fall vom Markus Scheer geht die Staatsanwaltschaft von gezielten Aktienverkäufen in Höhe von über sieben Millionen Euro aus.

Davon will der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Phenomedia AG jedoch nichts wissen. Nach eigenen Angaben besitzt er heute sogar 25.000 Aktien mehr als zum Börsenstart. Markus Scheer, der vor Gericht mit Anzug und Krawatte erschien, galt jahrelang als Computerfreak. Angeblich soll er schon mit den ersten erschwinglichen Heimcomputern damit begonnen haben, Spiele zu programmieren. "Er hat mit dem berühmten C 64 angefangen und sich alles selbst beigebracht", sagte sein Verteidiger Martin Meinberg aus Gelsenkirchen. Der Börsengang sei dann einfach eine Nummer zu groß gewesen. "Hier stehen überforderte junge Leute vor Gericht", sagte Meinberg.

Phenomedia selbst hat das Abenteuer nur mit knapper Not überstanden. Inzwischen können sich die Mitarbeiter wieder auf das konzentrieren, was ihr eigentliches Geschäft ist: das Erfinden von Videospielen wie dem sensationell erfolgreichen "Moorhuhn". Mit der Insolvenz des einst am Neuen Markt notierten Unternehmens haben sie nichts mehr zu tun.

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