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27. Februar 2004, 08:14 Uhr

Madeleine Schickedanz

Die Versandhaus-Diva

Von Martin Scheele

Nach anfänglichem Zögern mischte Madeleine Schickedanz im elterlichen Versandhaus Quelle kräftig mit - dank ihrer Ehemänner, die sie an die Vorstandsfront schickte. Nach der Fusion mit Karstadt verfolgt die milliardenschwere Erbin das Treiben der Führungsspitze weiter mit Argusaugen.

Hamburg - Als im Juni 2002 die Quelle-Belegschaft den 75. Geburtstag ihres Versandhauses feierte, hielt sich die mächtigste Person dezent im Hintergrund. Kein Wunder, Madeleine Schickedanz scheut das Rampenlicht. Dieser Charakterzug unterscheidet sie deutlich von ihren Eltern.

  Setzen sich für die Kinder-Krebs-Forschung ein:  Madeleine Schickedanz (l.), hier mit der Schauspielerin Veronica Ferres in der Fürther Stadthalle
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Setzen sich für die Kinder-Krebs-Forschung ein: Madeleine Schickedanz (l.), hier mit der Schauspielerin Veronica Ferres in der Fürther Stadthalle

Firmengründer Gustav Schickedanz und seine zweite Ehefrau Grete hätte ein solcher Auftritt gefallen. Beide genossen den Applaus beim Eintreffen der häufig besuchten Bayreuther Festspiele. Madeleine mag zwar auch Werke von Wagner und Mozart, dem Genuss dieser Musik frönt sie aber lieber in den eigenen vier Wänden.

An ihrem bevorzugten Wohnort, im schweizerischen St. Moritz, trifft man sie und ihren dritten Ehemann, Leo Herl, höchstens beim Shoppen, sonst lebt das Paar heute zurückgezogen in einer Villa auf dem feinen Suvretta-Hügel. Um die Jetset- und Schickeria-Gesellschaft machen sie einen großen Bogen.

Das Leben frei von materiellen Sorgen kennt die einzige Tochter aus der Ehe von Gustav und Grete Schickedanz seit ihrer Geburt 1943 in Nürnberg. In ihrer frühen Kindheit erlebt sie bald den zweiten Aufstieg des Fürther Versandgeschäfts.

Erst spät in die Fußstapfen der Eltern getreten

Der erste kometenhafte Aufstieg wird durch den Zweiten Weltkrieg jäh gestoppt. Vater Gustav, Sohn eines Werkmeisters hatte 1923 - in Zeiten einer galoppierenden Inflation - den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt - mit einer Großhandlung für Kurz-, Weiß- und Wollwaren, aus der vier Jahre später das Versandgeschäft Quelle hervorgeht.

Die Rechnung des Jungunternehmers, Qualitätsware zu kleinen Preisen feilzubieten und diese als Versender auch Menschen außerhalb der gut versorgten Ballungsräume zugänglich zu machen, geht auf - seine Quelle sprudelt. Nachdem die Amerikaner befinden, Gustav habe sich allzu gut mit dem NS-Regime arrangiert, wird er nach dem Krieg mit einem Berufsverbot belegt.

Da kommt seine zweite Ehefrau gerade recht, die als Lehrmädchen bei Quelle startet und zur rechten Zeit am richtigen Ort einen wahrhaft reichen Mann kennen lernt. Ihr wird der Verdienst zugeschrieben, das Unternehmen wieder aufgebaut zu haben. Bald darf der Gatte auch wieder mitmischen, und die Umsätze sollen jahrzehntelang stetig wachsen.

Regiment der Mittelmäßigkeit

Regiment der Mittelmäßigkeit

Madeleine, nach der die Eltern eine exklusive Quelle-Modetochter tauften, zeigt zunächst wenig Interesse, in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Während des Betriebswirtschaftsstudiums heiratet sie, 22-jährig, Hans-Georg Mangold, Mitglied einer angesehenen Fürther Spielwarenfamilie. Beide genießen das Leben in vollen Zügen.

  Mit Quelle fusioniert:  Die Karstadt AG
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Mit Quelle fusioniert: Die Karstadt AG

Für ihre anfängliche Zurückhaltung, in den elterlichen Betrieb einzusteigen, wird als Motiv auch ihre Erziehung herangezogen. So meint Schickedanz-Biograf Christan Böhmer zu wissen, dass die Eltern ihr zwar jeden Wunsch von den Lippen abgelesen, aber so gut wie keine Zeit für die Tochter hatten. Nach der Schule sei sie zwischen dem väterlichen Büro und dem der Mutter hin- und hergeschoben worden.

Doch mehr und mehr findet die Tochter Gefallen an dem Konzern, besonders an den Machtspielen. Dabei agiert die Brünette wie der Familienstamm um Nichte Margarete Riedel: Die Ehemänner werden an die vorderste Frontlinie, in den Vorstandsbereich, geschickt. Branchenexperten sollen später bilanzieren: Das Regiment der Schwiegersöhne erreicht allenfalls Mittelmäßigkeit.

Zwanghaft das Konzept weitergeführt

Dass der Versandfrachter "Quelle" Anfang der achtziger Jahre an Fahrt verliert, hat neben den vielen Streitigkeiten zwischen den beiden Familienstämmen wohl auch mit der konservativen Strategie von Grete Schickedanz("wichtigste Kauffrau Europas") zu tun. Madeleines Mutter wollte nach dem Tod ihres Mannes zwanghaft dessen Konzept fortführen, anstatt auf den Markt zu achten. Folge: Ein Sammelsurium an Beteiligungen wurde aufgebaut. Im Endeffekt rutschte Quelle 1984 in die roten Zahlen.

  Langjähriger Linde-Lenker und Schickedanz-Intimius:  Hans Meinhardt, AR-Chef von KarstadtQuelle
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Langjähriger Linde-Lenker und Schickedanz-Intimius: Hans Meinhardt, AR-Chef von KarstadtQuelle

Nachdem die Witwe entnervt die Zügel aus der Hand gab, wurde Madeleines zweiter Ehemann Wolfgang Bühler auf den Vorstandssessel der Holding gehievt. Er hatte nach der Heirat mit Madeleine rasch Karriere im Versandhaus gemacht.

Unter seiner Regie blieben die Zeiten rau und unruhig, vor allem für seine Untergebenen. Madeleines Ehemann verschliss als Holding-Vorstand ein halbes Dutzend Manager, allein vier Quelle-Vorstandschefs strichen in acht Jahren die Segel. Den jeweils neuen Unternehmenskapitän handelten die beiden Familienstämme wie auf einem orientalischen Basar aus.

Für Bühler endet die Ära Quelle abrupt, als die Ehe mit Madeleine 1997 in die Brüche geht. Glaubte er am Ende seiner Amtszeit durch den Verkauf etlicher Unternehmen und Beteiligungen den Versandriesen fit für die Zukunft gemacht zu haben, kam doch alles anders. Eine Fusion erschütterte die deutsche Handelsbranche.

Euphorie über die Fusion ist schnell verflogen

Streben nach Größe

Karstadt und Quelle fusionierten. Über die Motive des Mega-Mergers von 1999 gehen die Meinungen auseinander. Eine Variante besagt: Ex-Karstadt-Chef Deuss schwatzte mittels seines Duzfreundes und Schickedanz-Intimius Hans Meinhardt der Fürther Sippe den Deal auf. Gefreut haben sich Banken und die Hertie-Stiftung, die ihre Karstadt-Beteiligung schon lange abstoßen wollten.

  Mann von Madeleines Gnaden:  Wolfgang Urban, Konzernchef von KarstadtQuelle
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Mann von Madeleines Gnaden: Wolfgang Urban, Konzernchef von KarstadtQuelle

Aus der Fusion erwuchs ein gewaltiger Konzern. Doch die anfängliche Euphorie verflog schnell, denn die Gewinne sanken rapide. Im Jahr 2002 betrug der Vorsteuergewinn 200 Millionen Euro - gut ein Drittel weniger als im Jahr davor. Der Umsatz schrumpfte um 300 Millionen Euro auf 15,8 Milliarden Euro. Wolfgang Urban, der Mitte 2000 Deuss an der Spitze des größten europäischen Warenhauskonzerns ablöste, hatte Erklärungsbedarf.

Der besteht bis heute. Den aktuellen Zahlen zufolge fielen die Umsätze in 2003 um 3,5 Prozent. Weitere Geschäftszahlen werden erst Ende März veröffentlicht. Die offensichtlich zu optimistische Ergebnisprognose von mindestens 250 Millionen Euro Gewinn hatte Urban schon im November beerdigt. Analysten halten es sogar für nicht ausgeschlossen, dass KarstadtQuelle 2003 in die Verlustzone gerutscht ist.

Wolfgang Urban zwischen den Fronten

Die Ertragslage ihres Konzerns macht beide Familienstämme dem Vernehmen nach unruhig. Immer stärkere Kritik entzündet sich auch an Konzernchef Urban, der sich offenbar verzettelt. Als Verteidiger des Ex-Metro-Managers gelten Madeleine Schickedanz, die mit ihrem Familienzweig 36 Prozent der KarstadtQuelle-Aktien kontrolliert sowie ihr Ehemann Leo Herl (62) der sie im Aufsichtsrat vertritt.

  Große Zahlen, zurückgehender Gewinn:  Die Ergebnisse der KarstadtQuelle AG befriedigen nicht
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Große Zahlen, zurückgehender Gewinn: Die Ergebnisse der KarstadtQuelle AG befriedigen nicht

Ingo Riedel (45), der im Kontrollgremium den Familienstamm von Madeleines verstorbener Halbschwester Louise Dedi vertritt (12 Prozent der Aktien), kritisiert allenthalben Urban. Unternehmenskennern zufolge, zielt die Kritik im Grunde aber auf das Ehepaar Schickedanz-Herl.

Für nicht ausgeschlossen gilt indes, dass sich der Quelle-Clan von seinem Investment trennt. Der Anfang dafür ist gemacht. Ursprünglich hatten die Nachfahren Gustav Schickedanz ihren knapp 50-prozentigen Anteil in der Schickedanz-Holding gepoolt. Damit war der Verkauf einzelner Aktienpakete unmöglich. Einen Großteil der Aktien haben die beiden Familienstämme bereits aus der gemeinsamen Holding herausgezogen, und in eine eigene Vermögensverwaltung eingebracht. So können die Erben getrennt agieren und ihren Anteil jederzeit versilbern. Nebenwirkung: Ein Streitgrund fällt weg.

Möglicherweise ist das letzte Kapitel der Schickedanz-Beteiligung an KarstadtQuelle also geschrieben. Falls dem so sein sollte: Der Öffentlichkeit wird die Honorarkonsulin von Griechenland zumindest durch ihr soziales Engagement erhalten bleiben. Wenn Madeleine Schickedanz für die Belange ihrer gleichnamigen Kinder-Krebs-Stiftung eintritt, macht sie gerne eine Ausnahme von der Regel und tritt ins Rampenlicht.


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