Montag, 19. November 2018

Heinz-Horst Deichmann So weit die Schuhe tragen

Eigentlich ist Heinz-Horst Deichmann Arzt. Doch er hörte auf seine innere Stimme - und wurde zum größten Schuhhändler Europas. "Wer viel hat, muss viel geben", sagt der bekennende Christ. Heute baut sein Sohn Heinrich das Imperium behutsam aus.

Hamburg - Hosianna! Der Retter kommt. Im Flugzeug. Vom Himmel herab kommt er, so wie jedes Jahr im November. Dann strömen sie zusammen, die Siechen und Maladen, die dort wohnen im "Tal der Liebe" nördlich der indischen Hafenstadt Vishakapatnam im Staat Andra Pradesh um ihn zu begrüßen, ihn und seine Frau Ruth, die Hoffnung verkünden.

Heinz-Horst Deichmann: "Wer viel hat, muss viel geben"
Der da kommt, ist niemand anderes als der deutsche Unternehmer Heinz-Horst Deichmann (77), Schuhhändler im großen Stil, bekennender Christ, Arbeitgeber, Milliardär, Wohltäter und nordrhein-westfälischer Honorarkonsul von Indien. Über vier Millionen Euro jährlich steckt Deichmann in sein Projekt, das verwahrloste Kinder, Prostituierte und Leprakranke betreut.

"Wer viel hat, muss viel geben" lautet eine der christlichen Maximen des bescheidenen Westfalen. "Gott", sagt der größte Schuheinzelhändler Europas weiter, "wird mich am Ende nicht fragen, wie viele Paar Schuhe ich verkauft habe. Er wird wissen wollen, ob ich wie ein wahrer Christ gelebt habe." Also tut Deichmann, wie ihm geheißen. Dabei verströmt er Eigenschaften, die in diesen krisengeschüttelten Zeiten so vielen Managern in den Augen der Allgemeinheit vollkommen abgehen: Integrität, Loyalität, Verantwortungsbewusstsein.

Es soll euch an nichts mangeln

In seinem Buch "Christ und Unternehmer" schreibt er: "Ich will, dass es meinen Mitarbeitern gut geht, dass sie sich wohl fühlen und dass ein anständiger Führungsstil herrscht." Regelmäßig begutachtet Deichmann höchstselbst seine Filialen. Wenn er auftaucht, spricht man ihn respektvoll mit seinem Doktortitel an.

Dann prüft der Chef die Auslage und die Qualität der Ware, lobt seine Mitarbeiter und tadelt, wenn Tadel geboten ist. Denn sein Imperium ist immer noch ein Familienunternehmen, und Deichmann ist noch immer der Pontifex maximus, der es an nichts mangeln lässt. Entlassungswellen hat es bisher nicht gegeben, ein firmeneigener Unterstützungsfonds hilft Mitarbeitern, die in eine Notlage geraten sind.

Selbst lebt Heinz-Horst Deichmann nicht auf großem Fuß. Der in Würde ergraute Patriarch ist bescheiden von Geburt an. Sein Vater Heinrich Deichmann eröffnete schon 1913 seine kleine Schuhmacherei in Essen-Borbeck, dort, wo sich noch heute die Firmenzentrale des Schuhimperiums zwischen grauen Zweckbauten erhebt.

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