Freitag, 16. November 2018

Türkische Raubritter Märchen aus 1001 Nacht

Bis vor kurzem galt der Uzan-Clan als einer der reichsten und mächtigsten in der Türkei. Als ein US-Gericht die Familie im August mit einem Bußgeld von vier Milliarden Dollar belegte, wankte das Imperium. Nach weiteren Betrügereien und Skandalen droht es nun einzustürzen.

Tagelang hatten die Fahnder der türkischen Polizei Kemal Uzan und andere führende Mitglieder seines weit verzweigten Familienclans beschattet. Die Festnahme des Wirtschaftstycoons schien nur noch Routine zu sein.

Clan-Mitglied mit Berlusconi-Allüren:
Cem Uzan
Doch als Sondereinheiten Mitte September die Zentrale des Uzan-Wirtschaftsimperiums in Istanbul stürmten, entschwand Kemal zusammen mit seinem Bruder Yavuz und Sohn Hakan filmreif via Hubschrauber. Seitdem ist er unauffindbar.

Die spektakuläre Flucht war der bisherige Höhepunkt des Niedergangs von Kemal Uzan und seinem omnipotenten Familienimperium. Er war Chef eines der größten Firmenkonglomerate der Türkei, kaum einen Wirtschaftszweig gab es, in dem die Uzans nicht aktiv oder sogar dominant waren. Zu den beiden Familienholdings Rumeli und Prime gehörten Kraftwerke, das Handynetz Telsim, die größte Boulevardzeitung des Landes, private Fernsehsender, Zementwerke, Staudämme, Kraftwerke, Banken und so weiter und so fort. Die Gewinne aus dem verschachtelten Mischkonzern vergoldeten den Alltag der Uzans.

So führten die Mitglieder des Clans bis vor kurzem ein paradiesisches Leben. Sie besaßen zahllose Villen, Yachten, Helikopter, Privatjets und auch ansonsten alles, was sich Neureiche in ihren kühnsten Träumen wünschen können: Apartments in New York, Paris und London, eine eigene Insel im Mittelmeer, dazu die obligatorische Farm. Die wahllose Anhäufung irdischer Güter glich der des amerikanischen Börsenblenders Bernie Ebbers.

Den Bau-Millionen folgten Privatisierungs-Milliarden

Der unaufhaltsame Aufstieg der Industriellenfamilie mutet an wie ein Märchen aus 1001 Nacht: Uzan senior, Sohn eines mittellosen Landwirts in Bosnien, beschloss in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Er ging in die Türkei und versuchte dort sein Glück. Aber erst der nächsten Generation war wirtschaftlicher Erfolg beschieden. In den Fünfzigern gründete Sohn Kemal sein erstes Bauunternehmen, das vom Boom der Siebziger profitierte.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Als in den Neunzigern diverse Staatsfirmen privatisiert wurden, nutzte die Familie ihre guten Kontakte zur Politik. Kemal Uzan gründete den ersten türkischen Privatsender Star TV, übernahm zwei Kraftwerke in Lizenz und baute die für ihre horrenden Zinsen berüchtigte Imar-Bank auf.

In der Folgezeit kassierten die Uzans Milliarden jedweder Währung und gaben das Geld mit vollen Händen wieder aus. Sie verhandelten mit Weltkonzernen wie Motorola Börsen-Chart zeigenund leierten ihnen trickreich Unsummen aus der Tasche, die sofort in allerlei windige Geschäfte reinvestiert wurden. Wenn Frau Uzan Whitney Houston zu hören wünschte, wurde Whitney eingeflogen und sang ein Lied. Dann flog Whitney zurück nach Amerika und war um einige tausend Dollar reicher.

Über ihr Vermögen hinaus besaßen die Uzans die politische Macht klandestiner Oligarchen und die Rückendeckung der Regierung. So verstand sich Cem Uzan prächtig mit Ahmed Özal, dem Sohn des damaligen Präsidenten Turgut Özal.

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