17.09.2003

Südmilch-Weber

Showdown in Stuttgart

Einer der spannendsten deutschen Wirtschaftskrimis hat seinen Hauptdarsteller wieder: Ex-Südmilch-Chef Wolfgang Weber, der sich seit knapp zehn Jahren dem Zugriff der deutschen Justiz entzogen hatte, ist zurück in Deutschland. Der Prozess verspricht unterhaltsam zu werden.

Stuttgart - Nach der überraschenden Rückkehr des seit einem Jahrzehnt flüchtigen Ex-Südmilch-Chefs Wolfgang Weber könnte ein Prozess nach dem Willen der Staatsanwaltschaft noch in diesem Jahr beginnen. Die Affäre um den Molkereikonzern Südmilch hatte Anfang der neunziger Jahre für bundesweite Schlagzeilen gesorgt.

Bauern, Unternehmer und Politiker spielten die Haupt- und Nebenrollen in einem Wirtschaftskrimi, der sich zwar überwiegend im beschaulichen Württemberg abspielte, aber genauso gut einem Hollywood-Drehbuch entsprungen sein könnte. Weber hatte sich in Paraguay dem Zugriff deutscher Behörden entzogen, erst zehn Jahre später stellte er sich diese Woche Dienstag in Stuttgart der Justiz.

Weber wusste sich stets in der Öffentlichkeit zu verkaufen, und sein Auftritt im Prozess wird mit Spannung erwartet. Der 1,90 Meter große Manager war Experte im Stricken undurchschaubarer Firmengeflechte, bei seinen privaten Geschäften ebenso wie bei der Südmilch. In Paraguay unterhielt Weber lange vor seiner Flucht eine 80.000 Quadratmeter große Ranch.

Abschreibungsgesellschaften mit so schillernden Namen wie Interbeef del Paraguay Sociedad en Comandita beschäftigten die Finanzbehörden. Mit dem Ergebnis, dass Weber 1991 in Stuttgart wegen Steuerhinterziehung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt wurde.

Die Südmilch hatte sich auch dank Weber, der vom 1970 bis 1992 an der Spitze der Molkerei stand, von einem regionalen Unternehmen zu einer bundesweit bekannten Marke entwickelt. Steffi Graf machte Werbung für die Firma. Zu Fall brachte die Südmilch das Engagement bei der ostdeutschen Tochter Sachsenmilch in Dresden.

Der Mutterkonzern musste 1993 Vergleich anmelden, der vom prominenten Insolvenzverwalter und heutigen Salamander-Chef Volker Grub gemanagt wurde. Inzwischen gehört Südmilch mit der bekannten Marke Landliebe zur holländischen Campina-Molkerei und Sachsenmilch der bayerischen Müller Milch.

In einem langwierigen Prozess mussten sich 1997 Webers ehemalige Vorstandskollegen Rudolf Hoffmann und Manfred Klecker wegen Untreue und Betrugs vor Gericht verantworten. Sie wurden zu Bewährungsstrafen von zwei und einem Jahr verurteilt. Weber befand sich zwar in Paraguay vorübergehend in Haft, zu einer Auslieferung kam es jedoch nie.

Zahlung ohne Gegenleistung?

Die Molkerei-Manager hatten aus Sicht des Gerichts wertloses Know-how der Südmilch für 38 Millionen DM (19 Millionen Euro) an die Sachsenmilch verkauft. Geschäfte ohne erkennbaren Gegenwert, zum Beispiel als "Beratervertrag" getarnt, sind auch heute in der Wirtschaft keine Rarität. Ein weiterer Schuldiger in dem Verfahren war der Heidelberger Baulöwe Roland Ernst, der wegen Beihilfe zur Untreue eine Geldbuße von 630.000 DM zahlen musste. Er war in das Scheingeschäft zwischen Südmilch und Sachsenmilch verwickelt.

Die Vorwürfe gegen Weber entsprechen denen gegen Hoffmann und Klecker. "Die Schnittmenge ist sehr groß", meint ein Sprecher der Stuttgarter Staatsanwaltschaft. Die beiden früheren Kollegen sollen nun als Zeugen in dem Verfahren aussagen. Das Strafmaß reicht von einer Geldstraße bis zu fünf Jahren Gefängnis.

100.000 Euro Kaution statt vier Millionen

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft hätte sich Weber bereits 1999 stellen können, als die aktuelle Anklage gegen ihn erhoben wurde. Zum Verdacht der Untreue kommt der des Betrugs im Zusammenhang mit dem Börsengang der Sachsenmilch, andere Vorwürfe wurden wie auch bereits bei Hoffmann und Klecker fallen gelassen.

Der heute 68 Jahre alte Weber ist gegen eine so genannte Sicherheitsleistung von 100.000 Euro auf freien Fuß gesetzt worden. Bei seiner ersten Verhaftung wegen Steuerhinterziehung 1988 hatte die Kaution noch acht Millionen DM betragen. "In seinen Vermögensverhältnissen hat sich Einiges geändert", heißt es dazu bei der Staatsanwaltschaft.

Alexander Missal, DPA

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