Montag, 19. November 2018

Marktschreier Unerhörte Schreihälse

Wenn Wurst-Achim, Aal-Kai und Käse-Rudi loslegen, bleibt kein Auge trocken - und kein Einkaufsbeutel leer. Ein Problem haben die Marktschreier aber: Ihr Ruf nach Nachwuchs wird nicht erhört.

Hagen - Nudel-Uwe ist in Hochform. "Wer in Holland durch die Prüfung fällt, der kriegt ein gelbes Nummernschild", kalauert er und schaut herausfordernd in Richtung seines rechten Nachbarn auf dem roten Lkw. Der so geschmähte Holländer kontert mit gezielten Bananen-Geschossen. Die Menge johlt - und bückt sich eilig nach dem Gratis-Obst.

"Aale, so dick und fett wie letztes Mal!" Aal-Kai in Aktion
Auf dem Marktplatz in Hagen-Boele (Nordrhein-Westfalen) ist Marktschreier-Wettbewerb. Wie in jeder der 46 Städte, in denen die Marktschreier regelmäßig gegeneinander antreten, hat sich schnell ein belustigtes Publikum eingefunden. Alles wie immer eigentlich - doch die Marktschreier-Gilde hat Sorgen. Der Job ist hart, und es fehlt an Nachwuchs.

Marktschreierwettbewerb, das heißt: Sieben Männer, sieben Lkw und hunderte Zoten, Witze und lockere Sprüche. Für zehn Euro gibt es volle Tüten von Aal-Kai, Käse-Rudi, Taschen-Guido oder Wurst-Achim. Niemand, der sich an diesem Freitag auf den Weg zum Marktplatz gemacht hat, wollte wirklich fünf Aale oder sechs Pakete Pasta kaufen. Am Ende gehen dann aber doch viele Menschen voll bepackt nach Hause. Mit Show-Talent und oft recht derben Späßen können die Schreier bei ihren Kunden landen.

"Man lebt für den Erfolg"

"Marktschreier sind Entertainer: Immer gut drauf, man lebt für den Erfolg", sagt Nudel-Uwe, als er von der Show-Rampe seines mit Farfalle-Nudeln verzierten Lkw herunter gestiegen ist und wieder Uwe Treutlein heißt. Der 44-Jährige kommt aus Kitzingen in Bayern, und dorthin fährt er auch wieder zurück, wenn der Spaß nach drei Tagen vorbei ist.

Um fünf Tage später in Solingen wieder aufzubauen. Eigentlich ist Nudel-Uwe Heizungs- und Lüftungsbauer, doch nach zwei Knie-Operationen musste er umsatteln. Also nahm er einen Kredit auf, kaufte sich seine fahrende Show-Bude und ging mit seiner Frau, jetzt "Nudel-Traudl", auf Reisen. "Das muss einem im Blut liegen. Erst mal verkauft man sich selbst, und dann die Ware."

"Höchstens was für Quereinsteiger"

Später, hofft er, werde sein Sohn den Stand übernehmen. Ab und zu komme der 21-Jährige mit auf Tour. "Aber meist will er seine Wochenenden nicht dafür opfern." Ein Problem, das Joachim Borgschulze, Geschäftsführer der 33 Jahre alten Marktschreier-Gilde mit Sitz in Sprockhövel (Nordrhein-Westfalen), gut kennt. "Junge Leute sind kaum bereit, ein solches Leben zu führen. Durch die derzeitige Lage am Arbeitsmarkt gibt es höchstens Quereinsteiger, Wurst-Achim zum Beispiel war vorher Brummifahrer", sagt der studierte Jurist, der das Gilde-Geschäft von seinem Vater übernommen hat.

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