Montag, 10. Dezember 2018

Leni Riefenstahl Ermittlungsverfahren statt Glückwunsch-Telegramm

Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat Ermittlungen gegen die umstrittene Filmemacherin eingeleitet, nachdem sie wegen Leugnung des Holocausts angezeigt worden war.

Starnberg - An ihrem 100. Geburtstag ist die Regisseurin Leni Riefenstahl ins Visier der Justiz geraten. Die Frankfurter Staatsanwaltschaft leitete unter dem Verdacht der Volksverhetzung und der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener ein Ermittlungsverfahren gegen die wegen ihrer NS-Propagandafilme umstrittene Filmemacherin ein, wie der Sprecher der Behörde, Job Tilmann, am Donnerstag mitteilte. Grundlage sei ein Strafantrag des Kölner Roma-Vereins Rom, der Riefenstahl Holocaust-Leugnung vorwirft.

Im Visier der Justiz: Leni Riefenstahl
Ein Sprecher Riefenstahls erklärte in Pöcking am Starnberger See zu den Vorwürfen, Riefenstahl habe die ihr zur Last gelegten Äußerungen bereits bedauert und zurückgezogen. Weitere Erklärungen werde sie auf Anraten ihrer Anwälte nicht mehr machen. Die Regisseurin ist am Donnerstag 100 Jahre alt geworden.

Der Strafantrag des Roma-Vereins bezieht sich auf Äußerungen Riefenstahls in einem Interview, das im Magazin der "Frankfurter Rundschau" am 27. April 2002 erschienen war. Riefenstahl habe "wahrheitswidrig" behauptet, sie habe "alle Zigeuner, die in (ihrem Film) 'Tiefland' mitgewirkt haben, nach Kriegsende wiedergesehen. Keinem einzigen ist etwas passiert".

Dies sei eine "infame Lüge", so der Vorwurf des Vereins Rom. Der Anfangsverdacht der Staatsanwaltschaft stütze sich auf die Äußerungen in dem Interview, sagte Tilmann.

Rund 120 Sinti und Roma wirkten in dem Film mit

Laut Roma-Verein hat Riefenstahl nach Aussage einer ehemaligen "Zigeuner-Komparsin" Anfang der 40er Jahre rund 120 Sinti und Roma aus den NS-Lagern Maxglan und Marzahn als Zwangsarbeiter für die Dreharbeiten zu dem Film "Tiefland" missbraucht. Die meisten seien von den Nationalsozialisten in Vernichtungslagern ermordet worden oder seien an den Haftbedingungen zu Grunde gegangen.

Wie der Verein weiter mitteilte, habe der zuständige Staatsanwalt per Anordnung verfügt, dass Riefenstahl zu den Vorgängen gehört werde. Dies sei bei jedem Verfahren so, sagte Tilmann dazu.

Geste der Wiedergutmachung gefordert

Die ehemalige "Zigeuner-Komparsin" hatte erst vor einer Woche von Riefenstahl eine Unterlassungserklärung erwirkt, nach der die Filmemacherin ihre umstrittene Behauptung über den "Tiefland"-Film nicht mehr aufstellen darf. Vertreter des Vereins Rom hatten zudem eine Geste der Wiedergutmachung von Riefenstahl gefordert.

"Triumph des Willens": Der Ufa-Palast in Berlin bei der Premiere des Filmes
Riefenstahl hatte bereits nach Bekanntwerden der neuen Vorwürfe vor zwei Wochen in einer Stellungnahme die Verfolgung und das Leid bedauert, "das Sinti und Roma während des Nationalsozialismus haben erleiden müssen". Ihr sei "heute bewusst, dass viele von ihnen in Konzentrationslagern umgekommen sind".

Die 100-Jährige gilt als eine der widersprüchlichsten Künstlerpersönlichkeiten des vergangenen Jahrhunderts. Zu ihren umstrittenen Filmen zählen "Triumph des Willens" über den NSDAP-Parteitag 1934 und "Olympia - Fest der Völker - Fest der Schönheit" über die Olympischen Spiele 1936 in Berlin.

Riefenstahl betrachtet beide Werke als Dokumentarfilme, während Kritiker sie ungeachtet ästhetischer und handwerklicher Qualitäten als NS-Propagandafilme bewerten.

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