Freitag, 16. November 2018

Peter F. Drucker "Manager tun mir Leid"

Ungezählte Interviewwünsche werden an den Altmeister der Managementlehre herangetragen. Peter Drucker sagt fast immer Nein. Nur ganz selten macht er eine Ausnahme: Im ausführlichen Gespräch mit mm beschreibt er die tägliche Überforderung von Unternehmensführern - und skizziert Auswege aus dem Dilemma.

 Peter F. Drucker: Der Altmeister der Managementlehre
Pr
Peter F. Drucker: Der Altmeister der Managementlehre
mm:

Herr Drucker, der Beruf des Managers wird immer riskanter. Scharenweise verlieren Topleute ihre Jobs. Leisten Führungskräfte heute schlechtere Arbeit als früher?

Drucker: Als ich während des Zweiten Weltkriegs begann, mich mit Management zu beschäftigen, wurden die meisten Unternehmen so miserabel geführt, dass die wenigen guten Firmen keine echten Konkurrenten hatten. Heute ist das Kompetenzniveau viel höher. Trotzdem funktioniert das Management nicht mehr.

mm: Warum scheitern selbst die guten Leute?

Drucker: Wir überlasten die Menschen an der Spitze. Die Manager tun mir Leid. In den zurückliegenden drei Jahrzehnten sind die Anforderungen so unerhört kompliziert geworden, dass heute nur noch Supermänner erfolgreich sein können.

mm: Was macht die Führung eines Unternehmens heute so schwierig? Die rasante Beschleunigung des Geschäfts? Die Globalisierung?

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Drucker: Das sind wichtige Faktoren, die zur Überforderung der Manager beitragen. Aber es kommt noch eine Dimension hinzu, in der ich die größte Schwierigkeit sehe: Die Aktienfonds drängen die Firmen, den kurzfristigen Ertrag in die Höhe zu treiben. Gleichzeitig sind die vielen Menschen, die ihre Altersversorgung über Aktien absichern, an einer langfristig ertragreichen Unternehmensentwicklung interessiert. Dieser Zwiespalt zwischen langfristiger Ausrichtung und kurzfristiger Gewinnsteigerung hat das Topmanagement in die Krise gebracht.

mm: Sehen Sie einen Ausweg aus dem Dilemma?

Drucker: Es wird künftig nicht ein einziges für alle Unternehmen passendes Konzept geben. Jeder Topmanager muss versuchen, ein Organisationsmodell zu schaffen, das individuell auf sein Unternehmen zugeschnitten ist. Das Wesentliche dabei ist, dass die Aufgaben des Managements reduziert werden.

mm: Sind multinationale Konzerne wie DaimlerChrysler überhaupt noch führbar?

Drucker: Nein, so wie sie heute organisiert sind, bestimmt nicht. Es gilt ja noch immer das Axiom, Unternehmen müssten maximal integriert sein. Ich halte diese These für falsch.

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