Mittwoch, 27. Juli 2016

Börsenbetrug Wie ein Familienvater Milliarden versenkte

In Fachkreisen gilt der Fall als größter Coup seit dem Zusammenbruch der britischen Barings Bank. Ein Derivatehändler der Allied Irish Bank (AIB) im mittleren Management soll rund 850 Millionen Euro eingesackt haben. Der Gesamtschaden geht in die Milliarden.

Verdächtig: John Rusnak

Baltimore - Wie soll jemand Verdacht erwecken, wenn er gar nicht auffällt. Und John Rusnak ist einer, der nicht aus der Masse heraussticht. Als glücklicher Familienvater mit Eigenheim in der Vorstadt und Geländewagen geht er regelmäßig in die Kirche. In der Allied Irish Bank galt er als solider Durchschnitt und einigermaßen kündigungssicher. 85.000 Dollar sind schließlich auch kein Überfliegergehalt in Bankenkreisen, aber niemand kam auf den Gedanken, dass Rusnak sich zu Höherem berufen fühlte. Doch das tat er. Offensichtlich.

Der größte Betrugsfall seit sieben Jahren

Der Betrugsskandal, den der Finanzjongleur ausgelöst haben soll, ist wahrhaft überdurchschnittlich. Die Experten befürchten, dass es sich um einen der größten Betrugsfälle seit dem Fall der britischen Barings Bank handelt. Die hatte damals mit Nick Leeson ein großes Talent in Singapur sitzen. Die Barings-Manager hatten ihm viele Freiheiten eingeräumt, doch selbst die genügten ihm nicht. Er überzog sein Limit mit Derivatgeschäften, bis der Zusammenbruch des Traditionshauses nicht mehr zu verhindern war.

So weit ist es im Falle Rusnak allerdings noch nicht. "Ich weiß, dass die Leute Vergleiche mit Barings ziehen werden, aber es gibt bedeutende Unterschiede", sagt Finanzdirektor Gary Kennedy. Die Gefahr eines Zusammenbruchs von AIB bestehe nicht.

Was die Buchprüfer bislang herausgefunden haben, lässt darauf schließen, dass der Devisenhändler im vergangenen Jahr mit Scheingeschäften und Betrügereien rund 850 Millionen Euro abgezweigt hat. Niemand kann bisher sagen, ob er das Geld bei Spekulationen versenkt oder auf einem Konto im Nirwana des weltweiten Finanzsystems gesichert hat.

"Die Untersuchung ist sehr komplex."

Einen ersten Hinweis bekam die Dubliner Zentrale vor drei Wochen, als die US-Dependance ein unerklärliches Finanzloch meldete. Mehrere Wochen trug die Revisionsabteilung alles Mögliche über die Geschäfte ihres Kollegen zusammen. Doch so ganz ungeschickt scheint Rusnak nicht vorgegangen zu sein. "Die Untersuchung ist sehr komplex", sagte Pat Ryan, der die internen Ermittlungen leitet. "Noch ist es zu früh für Details."

Rusnak war bei den Ermittlungen offensichtlich auch keine große Hilfe, auf Fragen seiner Chefs antwortete er vorsichtshalber gar nicht mehr. Schließlich ging er auf Tauchstation. Hier kam das FBI ins Spiel.

Von einem Haftbefehl wollen die Behörden allerdings noch nichts wissen. Zunächst gehe es darum, die Fakten zusammenzutragen. Rusnak bekommt jetzt die Gelegenheit, den Ermittlern seine Sicht der Dinge zu schildern. Alles nimmt seinen normalen Verlauf. Ganz durchschnittlich.

Was eine eventuelle Anklage betrifft, gibt sich Rusnaks Anwalt gelassen. Sein Klient habe kein Geld unterschlagen, und es würde ihn wundern, sagte er, wenn sich der Verdacht jemals durch Beweise erhärten ließe.

Für das Management der AIB bedeutet die Affäre übrigens eine Katastrophe, ganz gleich, ob Rusnak ein Betrüger ist oder nicht. Denn der Verlust an Vertrauen bei den Anlegern wird sich so schnell nicht wieder herstellen lassen. "Diese Mitteilung hätte zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können, nachdem die Anleger beunruhigt sind über Bilanzunregelmäßigkeiten und schwache interne Kontrollen", schrieb Analyst Eamonn Hughes von ABN Amro in einer Kurzstudie.

Von Michael Kröger

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