Samstag, 16. Dezember 2017

Zeitarbeit für Akademiker Organisiertes Job-Hopping

Bis vor wenigen Jahren galt Zeitarbeit als moderne Form der Sklavenhaltung. Hier arbeitete nur, wer keine andere Wahl hatte. Inzwischen entdecken immer mehr Akademiker die Zeitarbeit als Einstiegsmöglichkeit.

Hamburg - Wenn Dorothea Müller für Zeitarbeitsfirmen die Wahl von Betriebsräten und den Abschluss von Tarifverträgen fordert, ist das eigentlich nicht weiter verwunderlich. Schließlich ist Müller im Bundesvorstand der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Gleichwohl: Noch vor wenigen Jahren wäre ein solcher Vorstoß undenkbar gewesen.

"Zeitarbeit galt als so verabscheuungswürdig, dass man nichts und niemanden gewerkschaftlich organisieren durfte, weil dadurch die Unternehmen bloß stabilisiert würden", vertraute Holger Carstensen der "Süddeutschen Zeitung" an. Carstensen ist wie Müller Ver.di-Funktionär und hier für Zeitarbeit zuständig.

Mittlerweile haben selbst Akademiker kaum noch Berührungsängste. Die Löhne liegen zwar in der Regel noch immer unter den Tariflöhnen der Entleihunternehmen. Dafür bieten die Zeitarbeitsfirmen Absolventen die Möglichkeit, erst einmal mehrere Firmen "auszuprobieren". Zudem macht sich die Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma im Lebenslauf meist besser als ein ständiger Arbeitgeberwechsel.

Uni abgeschlossen, Diplom in der Tasche - und jetzt?
AP
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Randstad hat für seine fast 23.000 Beschäftigten jetzt sogar einen Tarifvertrag geschlossen. Davon profitieren besonders die qualifizierten Mitarbeiter. Ihr Lohn steigt um acht Prozent an, während der normale Grundlohn nur um drei Prozent steigt.

Immerhin fast 16 Prozent der Belegschaft von Zeitarbeitsfirmen hat mittlerweile einen Hochschulabschluss. Freilich sind darunter besonders viele Absolventen, die anderswo nicht gleich unterkommen konnten. Geistes- und Sozialwissenschaftler findet man bei den Verleihfirmen häufiger als etwa Informatiker oder Kaufleute.

Doch inzwischen versuchen die Zeitarbeitsfirmen auch zunehmend, auf dem Arbeitsmarkt gefragte Absolventen zu gewinnen. Das US-Unternehmen Manpower hat eigens für EDV-Spezialisten die I.T.@Manpower GmbH gegründet. Etwa ein Viertel davon sind Hochschulabsolventen. Die Frankfurter Amadeus AG hat sich sogar ganz auf kaufmännische Fach- und Führungskräfte spezialisiert.

Dass eine dauerhafte Anstellung bei einer Zeitarbeitsfirma für die meisten Bewerber kein Thema ist, darüber machen sich die Dienstleister keine Illusionen. Sie werben vielmehr damit, dass gut einem Drittel ihrer Arbeitnehmer nach Ende der Arbeitnehmerüberlassung von den Entleihern Dauerverträge angeboten werden.

Die Arbeitgeber schätzen Zeitarbeit mittlerweile nicht nur, um Auftragsschwankungen abzuarbeiten, sondern auch um Beschäftigte erst einmal kennen zu lernen.

Schon bald sollen die restriktiven Gesetze zur Arbeitnehmerüberlassung - so die offizielle Bezeichnung - deshalb gelockert werden. Das Synchronisationsverbot soll entfallen, das es Zeitarbeitsfirmen verbietet, Arbeitnehmer nur für ein bestimmtes Projekt einzustellen. Auch könnte die maximale Ausleihzeit schon bald von einem auf zwei Jahre erhöht werden. Noch wird darüber debattiert, ob diese Ausweitung für alle Arbeitskräfte oder nur für ehemalige Langzeitarbeitslose gelten soll.

Auch Börsenmakler und Analysten entdecken die Zeitarbeit. Allerdings weder als Arbeitgeber noch als Arbeitskräftereservoir. Wenn es mit der Brache weiter so aufwärts geht, könnten Aktien von Zeitarbeitsfirmen "ein Kauf" sein.

Tilman Weigel

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