Freitag, 20. Oktober 2017

Porträt Der alte Löwe ist verwundet

Ein harter Kern von Freunden ist ihm geblieben. Die Politiker sind abgetaucht. "Man könnte meinen, sie hätten sich abgesprochen", meint er bitter.

"Feige sind sie durch die Bank. Ist es nicht zum Kotzen?", fragt er. "Solange es Richtfeste, solange es Einweihungen gab, haben sie sich in meinem Licht gesonnt."

Jetzt lassen die Herren schreiben. "Der Herr Ministerpräsident Biedenkopf" beteilige sich nicht "an Vorverurteilungen", teilt eine Frau Harder in einem Schreiben mit. "Der Herr Ministerpräsident Stoiber kann sich gut vorstellen, dass diese Entwicklung ihres Lebenswerks Sie als Vollblutunternehmer mit großer Enttäuschung erfüllt", lässt ein Herr Barth wissen. "Ich hoffe sehr, dass ihre Stiftungsaktivitäten fortwirken und Beispiel sein können ...", schreibt Herr Ministerpräsident Stolpe unverbindlich.

Der alte Löwe ist verwundet. Die Mitglieder des Rotary Club Sinsheim wünschten ihrem Gründungsmitglied noch im November "viel Kraft". Es dauert freilich nicht lange, bis einige den Freund Ernst "als Belastung" empfinden. Er tritt aus. Die Dresdner bitten ihren Spender, beim Herzzentrum auf seinen Namen künftig verzichten zu dürfen. "Wenn ihr euch für mich schämt, verzichte ich auf den Namen - aber bitte gebt mir meine Millionen wieder", schlägt Ernst, angeschlagen, zurück. Eine Antwort kriegt er darauf nicht.

Aber beim letzten Besuch bemerkt er, dass sie die Messingschilder "Stiftung Roland Ernst für Gesundheitswesen" entfernt haben. Nein, nicht um die Schilder, um die Gesinnung dahinter gehe es ihm. "So was lässt einen an der Menschheit zweifeln. Das tut weh."

Ernst muss sich Ende dieses Monats wegen Zahlung von Schmiergeldern und anderen (damit zusammenhängenden) Vorwürfen verantworten. Die Hälfte der Zahlungen ist verjährt. Aber das Bochumer Landgericht hat sich auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert, greift hart durch. Zwischen Bewährung und Haft ist alles möglich.

"Gerechtigkeit? Diese Gesellschaft ist, wie sie ist", sagen die Geschäftsfreunde von Ernst mit einem Achselzucken. Im Baugewerbe, das weiß doch jeder, da wird gehobelt, da fliegen Späne. Die ganze Branche, die Baustoffindustrie, Hoch-Tief, arbeiten sie nicht alle mit Absprachen und Bestechung? Ohne Provision läuft da doch gar nichts. Der Ernst ist halt naiv, meinen die einen. Der hat halt Pech gehabt, die anderen.

Sibylle Zehle

Götterdämmerung

Der tiefe Sturz des Roland Ernst. Vom bedeutendsten Projektentwickler Deutschlands, vom geachteten Mäzen und hoch geschätzten Mitglied der Gesellschaft zum Wirtschaftskriminellen - manager magazin schildert die bittersten Monate des einstigen Immobilien-Tycoons.

Teil 11: Der letzte Akt der Götterdämmerung steht noch aus

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Zurück zu Teil 3: Eine Seifenoper mit allen Zutaten

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Was von der Firmengruppe Roland Ernst übrig geblieben ist

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