Donnerstag, 28. Juli 2016

Büroklammern verbiegen, Kulis demontieren "Fummeln hilft bei der Arbeit"

 

Knibbeln im Büro: Ich schwöre, ich bin nicht verrückt!
Fotos
Fidget Widgets auf Tumblr

Manche Menschen friemeln ständig an etwas herum. Sie verbiegen Büroklammern, reiben Magnete aneinander, brechen die Clips von Stiften ab. Informatiker Michael Karlesky kann erklären, was das bedeutet.

KarriereSPIEGEL: Herr Karlesky, Sie schreiben Ihre Doktorarbeit über Fummeldinger, kleine Gegenstände, mit denen Menschen im Büro während der Arbeit spielen. An was knibbeln Sie denn gerade?

Karlesky: Mein Lieblingsding ist im Moment ein Koosh-Ball, so ein Spielzeugball aus Gummifäden. Seit wir auf Tumblr Fotos und Videos von Fummeldingern sammeln, bekomme ich immer wieder Produkte von irgendwelchen Onlinehändlern zugeschickt, und bei einem Paket war dieser Ball dabei. Davor war mein Favorit der Magnetverschluss eines Namensschilds, das ich mal auf einer Konferenz bekommen habe. Mit dem habe ich ewig gespielt. Das Namensschild ist irgendwann abgefallen, aber es war einfach herrlich, die beiden Magnetteile aneinander zu reiben.

KarriereSPIEGEL: Und was hat das mit Ihrem Fachbereich zu tun? Sie promovieren doch in Informatik.

Karlesky: Auf die Idee zu meiner Doktorarbeit bin ich während einer Vorlesung gekommen. Vor mir saß eine junge Frau mit Laptop. Sie hat konzentriert zugehört - und die ganze Zeit die Pfeiltasten gedrückt. Der Cursor ist vor- und zurückgesprungen, und sie hat das gar nicht wahrgenommen. Wenn man mal darauf achtet, gibt es sehr viele Leute, die neben der Arbeit am Computer mit Dingen spielen. Ich ja auch. Und Menschen verschwenden keine Energie ohne Grund. Das Drücken der Pfeiltasten hat der Frau offenbar geholfen. Sie konnte sich besser konzentrieren. Gehört das Herumspielen mit Gegenständen also zwingend zur Computerarbeit? Brauchen wir das zur Selbstregulation, so wie wir beispielsweise gähnen, wenn wir müde sind oder uns räkeln bei Verspannungen? Die Wissenschaft hat dieses Phänomen bislang übersehen.

KarriereSPIEGEL: Das klingt aber eher nach einer Frage für Psychologen.

Zur Person
  • Copyright: Michael Karlesky
    Michael Karlesky
    Michael Karlesky stammt aus dem US-Bundesstaat Michigan. Er hat Informatik studiert und zwölf Jahre lang in verschiedenen Start-ups in der Software- und Produktentwicklung gearbeitet. Seit 2011 ist er Doktorand an der New York University und forscht zum Thema Interaktion von Mensch und Maschine.
  • "Fidget Widgets" auf Tumblr
Karlesky: Die Fragestellung betrifft viele Fachbereiche, aber sie richtet sich auch an die IT. Wir wollen unsere Computer ja so designen, dass sie den besten Nutzen bringen - und wenn Herumnesteln die Arbeit angenehmer macht, sollten wir das beim Design berücksichtigen. Warum nicht auch digitale Fummeldinger herstellen, deren Nutzung ausgewertet werden kann? So könnte man zum Beispiel individuelle Produktivitätsrhythmen errechnen - und sinnvolle Pausenzeiten. Einige Hersteller setzen ja schon auf elektronische Anti-Stress-Produkte, zum Beispiel Holzkugeln mit LED-Lichtern, die man wie chinesische Meditationskugeln in der Hand rollen kann. Ich selbst habe in der Anfangsphase meiner Studie eine digitale Luftpolsterfolie entwickelt.

KarriereSPIEGEL: Aber das Platzen der Folie ist doch der Witz an der Sache, wie soll ein Computer das simulieren?

Karlesky: Naja, die Probanden haben eigentlich sehr positiv darauf reagiert, aber tatsächlich haben sie die Haptik vermisst. Die spielt bei Fummeldingern eine große Rolle, und jeder scheint etwas anderes zu bevorzugen. Manche Menschen greifen zu geriffelten Gegenständen aus Gummi, andere zu glatten aus Metall. Das ist eine sehr individuelle Entscheidung. Eigentlich kann alles, was man in der Hand halten kann, zum Fummelding werden, von der Büroklammer bis zur Fahrradkette.

KarriereSPIEGEL: Also gilt das Motto: Zeig' mir dein Fummelding, und ich sage dir, wer du bist?

Karlesky: Wer wann bei welchen Aufgaben welches Material bevorzugt, kann ich leider nicht sagen. Wir haben jetzt mehr als 130 Gegenstände in unserer Sammlung, aber das ist natürlich viel zu wenig, um allgemeingültige Aussagen zu treffen. Klar ist: Fummeldinger sind Teil eines Arbeitsablaufs. Menschen greifen zu ihnen, wenn sie bei einer Aufgabe feststecken. Sie hantieren damit, und wissen plötzlich die Lösung.

KarriereSPIEGEL: Gebt allen Menschen Fummeldinger, und die Welt ist gerettet!

Karlesky: Nun, das mag vielleicht nicht bei allen Menschen funktionieren, aber tatsächlich sind sich viele gar nicht darüber im Klaren, dass sie ständig an etwas herumnesteln. Erst wenn man sie darauf anspricht, denken sie drüber nach. Und es gibt viele verwandte Strategien: Manche spielen mit ihren Haaren, wippen mit den Beinen oder kritzeln. Auch das dient der Selbstregulation.

KarriereSPIEGEL: Wie reagieren denn die Leute, wenn Sie sie darauf ansprechen?

Karlesky: Total positiv! Das hat mich am meisten überrascht: Menschen reden gern über ihre Fummeldinger. Und viele werden dabei richtig poetisch. Da ist von rollen, drehen, drücken, klicken, wackeln, knirschen die Rede. Aber mit Worten lassen sich haptische Empfindungen nur schwer ausdrücken.

KarriereSPIEGEL: Und deshalb fotografieren Sie die Dinger?

Karlesky: Die meisten Fotos werden uns zugeschickt. Den ersten Aufruf haben wir vor einem Jahr gestartet, seither kommen ständig neue Bilder und sogar Videos hinzu. Mein Lieblingsbeispiel aus der Sammlung ist ein Kordelstopper von einem Mantel. Er hat eine Sprungfeder, damit man die Kordel an der Kapuze leicht auf- und zuziehen kann. Beim Design dieses Dings haben sich bestimmt viele Menschen viele Gedanken gemacht, aber dass es jemandem bei der Arbeit im Büro helfen könnte, hat wohl niemand gedacht.


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