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10. Mai 2006, 08:30 Uhr

Outplacement

"Ein tolles Gefühl, wieder dabei zu sein"

Von Eva Buchhorn

Dies ist eine Geschichte wider kollektive Mutlosigkeit. Gegen die Furcht, der Verlust des Arbeitsplatzes bedeute den sicheren Untergang. Gegen den Irrglauben, es gebe hier zu Lande keine Jobs - schon gar nicht für Manager jenseits der 50.

Hamburg - Den 3. Juli 2003 wird Frank Krüger (56, Name von der Redaktion geändert), damals Bereichsleiter bei einem Energieversorger im Rheinischen, niemals vergessen. Es war der Tag, an dem er plötzlich auf der Straße stand. Sein Arbeitgeber hatte im Zuge einer Umstrukturierung eine Hierarchieebene eingespart. Die gesamte Führungsriege unterhalb der Geschäftsführung musste gehen - auch Frank Krüger.

  "Es klingt verrückt, aber der Ernst meiner Lage war mir damals nicht wirklich klar."   Ex-Energiemanager Krüger
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Frank Pusch

"Es klingt verrückt, aber der Ernst meiner Lage war mir damals nicht wirklich klar."
Ex-Energiemanager Krüger

Knapp eineinhalb Jahre später sitzt Krüger strahlend und gut gelaunt am Schreibtisch seines Büros, im Fenster hinter ihm geht an diesem graublauen Abend die Sonne über Norddeutschland unter. Das Telefon klingelt, Krüger parliert zuvorkommend mit Kunden und Kollegen. Wer ihn erlebt, käme nie auf die Idee, dass dieser Mann vor nicht langer Zeit noch um seine Existenz kämpfte.

Seit März 2004, drei Monate vor seinem offiziellen Vertragsende, hat der Energiemanager einen neuen Job. Als Sales Manager betreut er für einen internationalen Energie-Multi Kunden im Nordwesten der Republik.

Wie der Wechsel so schnell klappte? Krüger erhielt bei der Jobsuche professionelle Unterstützung. Sein Arbeitgeber zahlte ihm eine Outplacementberatung. Mit Hilfe der Berater lernte Krüger, die Fahndung nach einer neuen Aufgabe genauso fachmännisch anzugehen wie seinen Managerberuf.

Outplacement funktioniert wie eine groß angelegte Marketingoffensive. Das Produkt ist der entlassene Manager. Wie Werbefachleute sammeln der Berater und sein Klient differenzierte Informationen über das Produkt, suchen systematisch den passenden Markt, schreiben einen Verkaufsprospekt und entwerfen eine schlüssige Kommunikationsstrategie.

Abgeschlossen ist die Beratung, wenn der Klient einen neuen Job gefunden und die Probezeit überstanden hat.

Bislang nutzt nur eine Minderheit entlassener Führungskräfte die Dienste der Bewerbungsexperten. Das liegt nicht immer an der Knauserigkeit der Unternehmen; oft rechnet sich die Investition sogar für den Arbeitgeber.

In vielen Fällen sind es die Manager selbst, die statt der Beratung lieber die Abfindung nehmen und denken, nach ein paar Bewerbungen säßen sie bestimmt bald wieder fest im Sattel. Was sich nur allzu oft als Irrtum herausstellt.

Auch Frank Krüger war fest überzeugt, dass "ich das selbst schaffe", nach jenem Tag im Juli 2003, als er von einer Stunde auf die andere vor den Trümmern seiner beruflichen Existenz stand.

Plötzliche Kündigung:  Von einer Stunde auf die andere einfach draußen. So geht es vielen.
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Plötzliche Kündigung:
Von einer Stunde auf die andere einfach draußen. So geht es vielen.

Nachmittags um drei Uhr eröffneten ihm seine Chefs, er sei mit Jahresfrist gekündigt. Für die nächsten 12 Monate werde er freigestellt. Unter Aufsicht und mit der Auflage, sich nicht von den Kollegen zu verabschieden, musste er anschließend seinen Schreibtisch ausräumen. Dann stand er vor dem Werktor. Nach 14 Jahren, einfach draußen. So geht es vielen.

"Es klingt verrückt", sagt Krüger im Rückblick, "aber der Ernst meiner Lage war mir damals gar nicht wirklich klar." Er klammerte sich an den Gedanken, dass er ja immerhin ein ganzes Jahr suchen könne. In dieser Zeit, so meinte er, müsse sich doch ein neuer Job finden lassen.

Und er kämpfte. Wälzte Stellenanzeigen, suchte im Internet und erzählte Freunden und Nachbarn von seinem Problem: "Ich wollte kein Mitgefühl, sondern eine Chance." Auf 30 Bewerbungen erhielt er eine einzige Einladung zum persönlichen Gespräch - den Job bekam ein anderer.

Anfang Dezember, als es draußen immer kälter und dunkler wurde, verließ den Vertriebsmann der Mut. Er ahnte, dass er sich nicht ewig gegen den größten Feind des Arbeitslosen würde stemmen können: Gegen das Gefühl nämlich, am Ende doch ein Versager zu sein.

Krüger erinnerte sich an das Angebot zum Outplacement, das sein Personalleiter ihm im Kündigungsgespräch unterbreitet hatte. Zwei Tage später war er angemeldet.

Zum ersten Gespräch bei der Beratung von Rundstedt & Partner in Düsseldorf erhielt der Energiemanager einen dicken Aktenordner, der hunderte Seiten Informationen fasste sowie viele noch unbeschriebene Arbeitsblätter. Krüger begriff, dass die Berater ihm den neuen Job nicht auf dem Silbertablett servieren würden. Er sollte selbst aktiv werden, ziemlich aktiv sogar: "Das Programm war ähnlich zeitintensiv wie ein Vollzeitjob."

Dazu passte der Dresscode. Zu den zweimal pro Woche stattfindenden Treffen mit seiner Beraterin, der Psychologin Doris Trappe, erschien Krüger in Anzug und Krawatte. Die täglichen Hausaufgaben erledigte er am heimischen Schreibtisch, für Telefonate reservierte er stets ein Einzelbüro in der Beratung.

Vor der "Kampagne", wie die Outplacementberater die Bewerbungsphase nennen, steht die schonungslose Auseinandersetzung mit sich selbst. Klienten müssen sich Fragen stellen wie: Warum bin ich gekündigt worden? Passte ich vielleicht schon lange nicht mehr in die Firma?

Vorbereitung auf den Tag X: Im Vorstellungsgespräch warten heikle Fragen, die vorbereitet sein müssen
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Vorbereitung auf den Tag X: Im Vorstellungsgespräch warten heikle Fragen, die vorbereitet sein müssen

In diesen Sitzungen geht es nicht darum, alte Wunden aufzureißen. Die Selbsterfahrung dient der zielbewussten Vorbereitung auf den Tag X - das Vorstellungsgespräch. Spätestens dort wartet die heikle Frage: "Warum haben Sie Ihr Unternehmen eigentlich damals verlassen?" Wer da nicht ruhig, sachlich und wahrhaftig argumentieren kann, hat schon verloren.

Nachdem sie sich Krügers Bericht angehört hatte, beruhigte ihn die Expertin: In seinem Fall schien die Umstrukturierung klar erkennbar der tatsächliche Kündigungsgrund zu sein. Krüger war sich nach den langen Monaten des vergeblichen Suchens schon fast nicht mehr sicher gewesen: "Es tat gut, das aus fremden Mund bestätigt zu hören."

Parallel zu den ersten Beratungsterminen lernte er andere Klienten kennen. Beim gemeinsamen Frühstück, auf dem Flur oder am Rande von Workshops entwickelte sich schnell ein Solidargefühl. Eine wichtige Erkenntnis: Ich bin nicht allein. Da sind 30-, 40-Jährige, da sind topqualifizierte Doktoren der Chemie, die stehen auch ohne Job da.

Man hilft sich gegenseitig: Ich habe da eine Anzeige, die passt nicht zu meinem Profil, aber vielleicht schreibst du denen mal. Du hattest ein Bewerbungsgespräch? Was haben die denn gefragt? Solche Unterhaltungen ermuntern entlassene Manager, das Thema Arbeitslosigkeit auch den Freunden und Nachbarn gegenüber offen und ehrlich zu vertreten. Nicht selten kommt von ihnen später der entscheidende Hinweis auf eine freie Stelle.

Schon in der zweiten Beratungswoche nahm Frank Krüger die Zukunft in den Blick. Nun sollte er sich eine Frage beantworten, die ihm angesichts seines Alters und der miesen Arbeitsmarktlage wie der pure Luxus erschien: Welcher neue Job würde zu ihm passen? Gerade weil der Arbeitsmarkt so angespannt ist, argumentieren Outplacement-Berater, ist das Glück mit dem Passenden. Das heißt: Nur der erhält eine Chance, der die Probleme des Unternehmens mit Sicherheit zu lösen weiß.

Das bedeutet nun aber nicht, dass ein Manager im Outplacement den haargenau gleichen Posten finden muss, den er zuvor ausübte. Vielmehr geht es darum, aus der Berufslaufbahn all jene persönlichen Fähigkeiten zu destillieren, die den Manager auch für andere Unternehmen und Aufgaben qualifizieren.

Sondierung neuer Chancen: Mancher Manager erkennt im Outplacement-Prozess völlig neue Karriereziele
[M] DPA mm.de

Sondierung neuer Chancen: Mancher Manager erkennt im Outplacement-Prozess völlig neue Karriereziele

An diesem Punkt sind die meisten Klienten erstmal sprachlos, sagt Outplacement-Beraterin Doris Trappe: "Selbst hochrangige Leute, die viele unterschiedliche Aufgaben bewältigt haben, sagen anfangs: Also ich hab was total Normales gemacht." Auch Frank Krüger wusste zunächst nicht viel über sich zu erzählen. Er kannte sich mit Flüssiggasen aus. Und er war Bereichsleiter gewesen, hatte 44 Leute geführt. Aber war das etwas Besonderes?

Auf Ermunterung seiner Beraterin vertiefte er sich noch einmal in seine Vergangenheit. Welche Herausforderungen hatte er in all den Jahren eigentlich bestanden, welche Initiativen angestoßen? Am Ende staunte er nicht schlecht: Sein Bericht füllt zehn eng beschriebene Seiten. Aus ihnen ging deutlich hervor, dass er nicht nur seinen Job erledigt hatte, sondern ein ziemlich engagierter, einfallsreicher Vertriebsmann gewesen war.

Da war zum Beispiel der Marketing-Aktionsplan, den er sich vor ein paar Jahren ausgedacht hatte, als sich die Absatzkurve bedrohlich nach unten neigte. Bis in die Nacht hockte er damals mit seinen Verkaufsleitern zusammen und erläuterte ihnen seine Ideen für bessere Werbung und Treuekonditionen. Die Geschäftsführung hatte seinen Plan damals als "beispielhaft" gelobt und in der gesamten Firma zum Standard gemacht.

Episoden wie diese zeigten Krüger, dass er in seiner bisherigen Laufbahn goldrichtig gewesen war - es lag auf der Hand, dass er seine zukünftige Aufgabe ebenfalls im Vertrieb suchen sollte.

Manch anderer Manager entdeckt in dieser Phase verborgene Leidenschaften, die ihn schließlich ganz woanders hinführen. So kann es passieren, dass der ehemalige Konzernmanager und passionierte Segler im Mittelstand sein Glück macht - als Geschäftsführer eines Yacht-Konstrukteurs.

Die Auseinandersetzung mit der eigenen Laufbahn hilft nicht nur bei der Sondierung neuer Chancen, sondern ebenso bei einem anderen Kernpunkt im Bewerbungsprozess: der Selbstdarstellung. Es sind solche Anekdoten, mit denen der Manager in Vorstellungsrunden Punkte macht. Schießt das Gegenüber etwa die Frage ab: "Denken Sie strategisch?", wüsste Frank Krüger mit der Erwähnung des Marketingplans eindrucksvoll zu belegen, dass er diese Fähigkeit besitzt.

Nicht zuletzt werten Episoden über die berufliche Historie den schriftlichen Lebenslauf auf, den Berater und Kandidaten gemeinsam erarbeiten.

Zurück auf Anfang:  In welchen Bereichen Manager neue Jobs finden
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Zurück auf Anfang:
In welchen Bereichen Manager neue Jobs finden

Auch dies ist eine Kunst: Im Lebenslauf soll sich der Manager als Führungskraft angemessen präsentieren, ohne zu protzen. Das erreicht er, indem er wesentliche Projekte knapp und präzise beschreibt.

So kam Krüger auf ein ansehnliches Konvolut von drei Seiten - "ohne dass ich das Gefühl hatte, ich hätte gefaselt." Es sind solche Tricks und Kniffe, mit denen sich der Manager unter dutzenden Mitbewerbern einen deutlichen Vorsprung verschaffen kann - indem er sich einfach ein wenig eleganter verkauft.

Rund vier Wochen täglicher, konzentrierter Trockenübungen hatte Frank Krüger hinter sich, als seine Beraterin die Jagd nach einem neuen Job für eröffnet erklärte.

Das Instrumentarium des Outplacement-Beraters ist im Prinzip dasselbe wie bei jeder Bewerbung: Die Kandidaten nutzen Internetjobbörsen und Tageszeitungen und schreiben gezielt Initiativbewerbungen. Nicht selten stellt der Berater auch selbst den Kontakt zu einem Headhunter her.

Als wirksamstes Instrument bewerten die Bewerbungsexperten jedoch das Kontaktnetz des Klienten. Brancheninternen Studien zufolge wird fast jeder dritte Job auf dem verdeckten Arbeitsmarkt gefunden, eben mit Hilfe persönlicher Beziehungen.

Der Einsatz der eigenen Kontakte ist ein Geduldsspiel und zahlt sich meist erst nach Monaten aus. Aus vielen Gesprächen spinnt der Bewerber ein feines Netz aus Informationen über die Branche, über passende Unternehmen und die richtigen Ansprechpartner.

Der erste Anruf kostet Überwindung - auch Frank Krüger. Doch er hatte gelernt, mittels geschickter Wortwahl peinliche Klippen zu umschiffen. So fragte er nie direkt nach einem neuen Job, sondern bat seine Gesprächspartner um kurze Gespräche über die Branchensituation: "Vielleicht ergibt sich daraus ein wertvoller Tipp für mich."

Rekordverdächtig: Nach nur 12 Beratungsstunden hatte Frank Krüger einen neuen Job
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Frank Pusch

Rekordverdächtig: Nach nur 12 Beratungsstunden hatte Frank Krüger einen neuen Job

Schon das dritte Gespräch war ein Volltreffer. Ein Gasspediteur, den er einst auf einer Verbandstagung kennen gelernt hatte, hatte vom bevorstehenden Weggang eines Salesmanagers bei einem Energiekonzern in Norddeutschland gehört. Die Stelle war noch nicht einmal ausgeschrieben - eine Traumkonstellation für jeden Bewerber.

Am Ende ging dann alles ganz schnell - und total konventionell. Der Geschäftsführer des Energieversorgers bestellt ihn in ein Restaurant und wollte, da er Krügers schriftliche Bewerbung vorliegen hatte, nur über Gehalt plaudern.

Der Energiemanager muss lächeln, wenn er daran denkt: "Ich war auf jede noch so verrückte Frage vorbereitet, hatte mir alle möglichen Antworten zurecht gelegt, und im Grunde ging es in unserem Gespräch nur darum, ob wir uns sympathisch sind und gut zusammenarbeiten können."

Nach 12 von 40 geplanten Beratungsstunden hatte Frank Krüger seinen neuen Job gefunden. Das ist rekordverdächtig. Die meisten Kandidaten suchen sechs, neun Monate oder gar länger. Etwas jeder Zehnte macht sich notgedrungen selbstständig. Das Gros der in eine Festanstellung Vermittelten muss schmerzhafte Gehaltsabzüge hinnehmen. Frank Krüger verdient heute ein Fünftel weniger als in seinem letzten Job.

Doch das Glück, der Arbeitslosigkeit entronnen zu sein, wiege solche Nachteile auf, meint Krüger.

Der Mond steht inzwischen groß und rund am Himmel, als der Manager seine Aktentasche packt und beim Verlassen des Büros noch schnell erzählt, wie er neulich auf einem Verbandstag seinen alten Chef wiedergetroffen hat.

Man schüttelte sich die Hände, sprach kurz miteinander, als sei nie etwas geschehen: "Diesen Smalltalk habe ich unglaublich genossen. Es war ein tolles Gefühl, einfach wieder dabei zu sein." Spricht's und verschwindet.


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