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20. Oktober 2005, 10:47 Uhr

Arbeitsmarkt

Ingenieure, verzweifelt gesucht

Von Karsten Langer

Mindestens 15.000 Ingenieure fehlen hierzulande, Tendenz steigend. Was auf den ersten Blick wirkt wie eine Marginalie, könnte sich schon bald zur Katastrophe auswachsen. Droht dem Hightech-Standort Deutschland der Wissensvorsprung und damit sein wichtigster Wettbewerbsvorteil abhanden zu kommen? Eine Bestandsaufnahme.

Hamburg - Schon seit Monaten sucht Peter Binder, Gründer und Chef des gleichnamigen Familienbetriebs aus dem südlichen Baden Württemberg.

Wetterfest: Ingenieur bei Bosch
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DDP

Wetterfest: Ingenieur bei Bosch

Nicht nach einem geeigneten Grundstück für die Expansion, das hat Binder längst gefunden. Auch nicht nach neuen Märkten, denn seine Klimaschränke für Materialforscher und Brutöfen für Labore und Krankenhäuser verkaufen sich weltweit bestens.

Nach Ingenieuren fahndet er, und das händeringend und mit professioneller Hilfe. Ungezählte Suchanzeigen wurden geschaltet, Kampagnen entworfen, Recruitingmessen abgeklappert, allein - vergeblich war alle Müh'. "Zeitschriften, Fachzeitschriften, Direktansprache - die breite Schiene funktioniert heute nicht mehr. Ich finde keine Ingenieure", sagt Binder resigniert gegenüber manager-magazin.de.

Sechs Tüftler aus den Fachbereichen Maschinenbau, Thermodynamik und Regeltechnik würde Binder vom Fleck weg einstellen - wenn er sie denn fände. Aber seit zehn Monaten bleibt alles Locken und Werben vergeblich. Der Markt gleicht einer Wüste, abgegrast, öd und leer.

 Bereiche: Maschinenbau, Elektrotechnik, ITK, Luft- und Raumfahrt
 Anzahl der gesuchten Ingenieure: 1200 allein im Bereich Luftfahrt, hunderte in anderen Bereichen
 Bereiche: Diverse
 Bereiche: Maschinenbau, Entwicklung, Vertrieb
 Bereiche: Diverse
 Bereiche: Entwicklung, Fertigung, Vertrieb
 Bereiche: Maschinenbau, Elektrotechnik, Konstruktion
 Softwareingenieure
 Bereiche: Automobiltechnik, Luft- und Raumfahrt, Maschinenbau
 Bereiche: Maschinenbau, Thermodynamik, Regeltechnik
Unternehmen, die Ingenieure suchen
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Die Probleme eines "Hidden Champion"

Auch der gute Kontakt zur Technischen Universität München hat bisher nicht geholfen. Binder, der den Ruf eines "Hidden Champion" mit internationaler Ausrichtung genießt, ist Gesellschafter beim Forschungszentrum für therapeutische Medizintechnik ITEM, einer Ausgründung der Technischen Universität München.

Neun Fakultäten der TU bilden seit vier Jahren je 30 Ingenieure pro Studienjahr aus. Die meisten von ihnen haben schon vor ihrem Diplom einen Arbeitsvertrag in der Tasche. "Ein Viertel meiner Studenten macht sich selbstständig, der Rest geht auf den freien Arbeitsmarkt", sagt Erich Wintermantel, Ordinarius für Medizintechnik und ITEM-Geschäftsführer.

Vor allem im Mittelstand macht Wintermantel Berührungsängste mit den Universitäten aus: "Unternehmen, die Ingeniere suchen, sollten direkt auf die Universitäten zugehen, nicht nur auf die Fachhochschulen, die ihnen vertraut sind", rät Wintermantel. Auch Forschungsprojekte könnten in direktem Kontakt mit der Industrie verwirklicht werden. So engagiert sich der Regensburger Kunststoffspezialist Wilden erfolgreich am Institut.

"Bei uns herrscht keine Lötkolbenromantik"

Binder bringt sein Engagement an der TU bisher zwar Wissen, aber keine Ingenieure. Noch kann er den personellen Engpass verschmerzen. In seiner Marktnische ist das Unternehmen Weltmarktführer, außerdem kann sich Binder noch auf seinen Standortvorteil verlassen.

Händeringend gesucht: Ingenieure in Deutschland
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Händeringend gesucht: Ingenieure in Deutschland

Er ist eingebunden in die Wirtschaft vor Ort, schloss tragfähige Kompromisse mit den Gewerkschaften, profitierte von der Arbeitsmoral seiner Mitarbeiter und den logistischen und administrativen Vorzügen des Standorts Deutschland. Trotz hoher Fertigungs- und Forschungskosten stimmen die Margen.

Die Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, zweifelt Binder keine Sekunde an: "Ich bin der Meinung, dass Deutschland ein hervorragender Standort für High-Tech-Produkte ist. Ich kenne meine Belegschaft, wir haben großes Vertrauen zueinander. Außerdem schätze ich die Flexibilität der Mitarbeiter. Auch persönlich möchte ich mich aus Süddeutschland nicht verabschieden." Erst kürzlich wurde das neue Forschungszentrum in Tuttlingen eingeweiht - für das nun die Ingenieure fehlen.

Jeder Ingenieur steigert den Umsatz um 2 Prozent

Um sich aber langfristig gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen zu können, muss Binder weiter in Forschung und neue Produkte investieren. Wenn er das nicht tut, geht der mühsam erarbeitete Marktvorsprung schnell verloren. Das weitere Wachstum hängt ab von neuen Entwicklungen und Ideen, rechnerisch sorgt jeder neue Ingenieur für ein Umsatzplus von etwa zwei Prozent und mindestens zwei weitere Arbeitsplätze in Produktion, Logistik und Verwaltung.

Warum die Ingenieure Binders Ruf nicht folgen? Auf der Suche nach Ursachen schwingt erstmals Ratlosigkeit mit in der selbstbewussten Stimme des erfolgreichen Unternehmers: "Der Standort Tuttlingen ist wohl für viele nicht attraktiv genug, außerdem bevorzugen die jungen Leute große Unternehmen, dort ist es kuscheliger. Bei uns herrscht keine Lötkolbenromantik." An der Bezahlung liege das mangelnde Interesse nicht, betont Binder.

Mit seinen Problemen steht Mittelständler Binder nicht allein da. Auch anderen innovativen Unternehmen sind die Unwägbarkeiten des deutschen Personalmarkts zur Genüge bekannt. Nach einer aktuellen Studie des Verein deutscher Ingenieure (VDI) hat jedes vierte Unternehmen in Deutschland gegenwärtig Probleme, offene Ingenieurstellen zu besetzen.

Ob EADS , Bosch, Siemens , Linde , Drägerwerke , Jungheinrich , Kärcher, Trumpf oder Voith: Gesucht werden vor allem Maschinen-, Flugzeug- und Fahrzeugbauer, Entwicklungsingenieure, Elektro- und Medizintechniker.

Derzeit gibt es 15.000 offene Stellen, Tendenz steigend. Pro Jahr, so rechnet der VDI vor, werden weitere 2000 Ingenieure fehlen, bis zum Jahr 2010 wird ihre Zahl also auf mindestens 25.000 gestiegen sein.

  "Wenn wir den Vorsprung halten wollen, müssen wir immer das winzige, aber entscheidende Stückchen besser sein"    VDI-Direktor Willi Fuchs
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"Wenn wir den Vorsprung halten wollen, müssen wir immer das winzige, aber entscheidende Stückchen besser sein"
VDI-Direktor Willi Fuchs

Susanne Ihsen, Leiterin der VDI-Abteilung Beruf und Karriere, geht sogar noch weiter: "Von der Million Ingenieure, die Deutschland bis 2010 benötigt, fehlen 200.000." Was also auf den ersten Blick aussieht wie ein punktuelles Problem, könnte sich schnell zu einem Flächenbrand entwickeln. Und zwar mit verheerenden Folgen für die deutsche Wirtschaft.

Denn sobald ein Entwicklungsauftrag nicht mehr in Deutschland ausgeführt werden kann, weil das Personal fehlt, drängt die Konkurrenz aus den Schwellenländern ins profitable Geschäft. Die Ingenieure aus Tschechien, Polen, Osteuropa und der Ukraine stehen längst in den Startlöchern. Sie sind beileibe nicht schlechter als ihre deutschen Kollegen, aber dafür weitaus billiger.

"Über die ersten Toyotas hat man sich kaputtgelacht"

Damit geht nicht nur Wertschöpfung verloren, sondern auch Wissen. "Wenn wir in Deutschland nicht in der Lage sind, Ingenieure in ausreichender Zahl zu qualifizieren, geht das Know-how ins Ausland", fürchtet Frank Ferchau, Chef des bundesweit größten Engineering-Dienstleisters aus Gummersbach. Ferchau beschäftigt in seinem Unternehmen 1150 Ingenieure und ist auf der Suche nach 280 weiteren.

Auch Willi Fuchs, Direktor des VDI, warnt vor den Folgen des Know-how-Transfers: "Als die ersten Toyotas aus Japan kamen, hat man sich in Deutschland totgelacht. Heute ist den deutschen Autobauern das Lachen vergangen."

Bisher konnte sich Deutschland im Kampf um das wichtigste Wirtschaftsgut Wissen respektabel schlagen. Gemessen an den angemeldeten Patenten ist Deutschland europaweit führend, geschlagen weltweit nur von den Amerikanern. Knapp 20 Prozent aller Maschinen, die rund um den Globus Waren aller Art produzieren, sind made in Germany.

Auch die deutsche Chemieindustrie belegt im Bereich Forschung und Entwicklung im internationalen Vergleich einen Spitzenplatz.

Steigender Bedarf: Ingenieure im Maschinenbau
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Steigender Bedarf: Ingenieure im Maschinenbau

Rund vier Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr investiert, das sind 17 Prozent der weltweiten Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Außerdem genießen deutsche Unternehmen in zukunftsweisenden Innovationsfeldern wie der Laser-, der Nano- oder der Medizintechnik international einen hervorragenden Ruf.

Um diese Position auszubauen, bedarf es gewaltiger Anstrengungen. "Wenn wir den Vorsprung halten wollen, müssen wir immer das winzige, aber entscheidende Stückchen besser sein" sagt VDI-Direktor Fuchs.

Noch deutlicher wird Hartmut Rauen, Mitglied der Hauptgeschäftsführung des Branchenverbands der Maschinenbauer VDMA. "Der Wohlstand unserer Gesellschaft hängt heute mehr denn je von den Erfolgen der Ingenieure ab. Verliert Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit im Bereich der innovativen Industrien, ist die Grundlage für den Wohlstand vernichtet", so Rauens düstere Prognose.

Grund für den aktuellen Ingenieurmangel sind in den Augen von Fuchs Fehler der Vergangenheit. Vor Jahren schlossen viele Konzerne aus Kostengründen ihre Forschungsabteilungen, die Ingenieure wurden in den Vorruhestand geschickt - und damit ihr Wissen.

Außerdem entwickelte sich in Deutschland über Jahrzehnte eine ausgeprägte Technikfeindlichkeit; quasi als späte Rache der Anti-Atomkraft- und Umweltbewegung. Das Misstrauen gegenüber moderner Technik schlug sich auch in abnehmenden Studentenzahlen bei den Ingenieurswissenschaften nieder.

Um für den fehlenden Nachwuchs zu sorgen, will der Ingenieurverband schon in den Schulen für seinen Berufsstand werben: "Wir müssen bei der Lehrerausbildung ansetzten, die Faszination für das Schaffende, der Forscherdrang der Kinder muss angeregt werden", appelliert Fuchs an die Bildungspolitiker.

Obwohl er inhaltlich an den Studiengängen der Hochschulen nichts auszusetzen hat, vermisst er bei den Regierenden die Sensibilität für die Schlüsselfunktion von Ingenieuren in der Wirtschaft: "In der Politik fehlt das Gefahrenbewusstsein für die aktuelle Situation", so Fuchs.

 Meister seines Fachs: Felix Wankel mit seinem Wankelmotor
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DPA

Meister seines Fachs: Felix Wankel mit seinem Wankelmotor

Gleichzeitig schreibt er einer besonderen Charaktereigenschaft seines Berufsstandes eine Mitschuld an der Selbstmarketingmisere zu: "Leider neigt der Techniker dazu, Marketingaspekte nicht angemessen zu beachten und sich gedanklich in seinen speziellen Problemfeldern zu bewegen", so Fuchs.

Aber Selbstkritik hilft der Wirtschaft nicht. Im Zweifel ist Eigeninitiative gefragt. Um den Nachwuchs im eigenen Haus zu fördern, sind acht mittelständische Unternehmen aus der Oberpfalz einen außergewöhnlichen Weg gegangen: Schon 1992 haben sie ein Förderprogramm für den Nachwuchs aus der Taufe gehoben, als private Ideenschmiede sozusagen.

Dort werden Ingenieure, aber auch Betriebswirte und Mathematiker in themenbezogenen Seminaren fortgebildet. Die Erfahrungen sind gut. "Wir fördern den Führungsnachwachs, unser Projekt lebt vom Netzwerkcharakter" sagt Gerhard Kotzbauer, Präsident des Unternehmensverbundes und Personalchef des Amberger Fahrzeugsitzherstellers Grammer.

Wolfgang Rücker, Gründer und Chef des Engineering-Dienstleisters Rücker, Wiesbaden, kann die verzweifelten Hilferufe der Unternehmen nur bedingt nachvollziehen. Wenn Rücker für sein prosperierendes Unternehmen neue Mitarbeiter rekrutiert, sieht er sich gerne in den neuen Bundesländern um, sichert sich die Erfahrung älterer Experten und sucht jenseits deutscher Grenzen.

Im Westen, so Rücker, seien die Akademiker zu unflexibel: "Hier geht beispielsweise ein 45-jähriger Ingenieur aus Rüsselsheim lieber in die Arbeitslosigkeit als nach Rostock oder nach Hamburg." Erfolgreich sei man dagegen bei der Suche in Österreich, Polen oder in Tschechien.

Rücker übernimmt vor allem Design- und Konstruktionsaufgaben für den Auto- und Flugzeugbau. Dabei profitiert er von der universellen Ausbildung der Tüftler: "Wir sind in der glücklichen Lage, Ingenieure aus dem Fahrzeugbau auch in der Luftfahrt einsetzen zu können. Nach entsprechender Umschulung ist dies ohne Probleme möglich, da die Aufgaben sehr ähnlich sind." Nur in einem Bereich muss Rücker passen: "Bei Konstrukteuren für den Flugzeugbau gibt es personelle Engpässe. Diese Lücke ist allgemein schwer zu schließen."


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