Von Karsten Langer
Herr Sprenger, eine aktuelle Statistik sagt aus, dass über 70 Prozent aller Menschen während der Arbeit unmotiviert ist. Glauben Sie das?
Reinhard K. Sprenger, geboren 1953, machte sich als Managementtrainer und Autor international einen Namen. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören "Mythos Motivation" und "Das Prinzip Selbstverantwortung". Kürzlich ist Sprengers Bestseller "Die Entscheidung liegt bei Dir!" als Hörbuch erschienen, die CD "EigenSinn" wird über den Buchhandel vertrieben. Sprenger lebt in Essen und Santa Fe, New Mexico, USA.
Die Wissenschaft unterscheidet zwischen Motivation für konkrete Aufgaben im Nahfeld und dem, was in solchen Umfragen abgefragt wird, zum Beispiel: "Wie stark fühlen Sie sich verbunden mit dem Unternehmen?" Da gibt es in der Tat große Differenzen. Die allermeisten Menschen fühlen sich ihrer konkreten Aufgabe und ihren Kollegen gegenüber nach wie vor verpflichtet.
mm.de: Verpflichtet bedeutet, dass die Arbeit zwar getan wird, aber nur widerwillig.
Sprenger: Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen nach wie vor ein hohes Maß an Selbstverpflichtung gegenüber ihrer Aufgabe haben. Das wird nicht gestört durch das, was auf der Topmanagerebene oder woanders im Unternehmen stattfindet. Es gibt sogar eine ausgesprochen loyale Reparaturintelligenz von unten. Viele Mitarbeiter leben einen konstruktiven Ungehorsam, nach dem Motto: "Wir machen hier was Vernünftiges, obwohl die da oben tagtäglich so einen Quatsch verzapfen".
mm.de: All das hat aber nichts mit Spaß an der Arbeit zu tun ...
Sprenger: Menschen, die behaupten, Arbeit solle Spaß machen, behaupten gleichzeitig etwas Richtiges und etwas Falsches. Der Job, den wir alle machen, ist immer eine Mischung aus Spaß und Frust. Wichtig ist, dass ich langfristig und überwiegend mit dem Herzen bei der Sache bin. Das heißt nicht, dass ich ständig ein fröhliches Liedchen auf den Lippen habe.
mm.de: Das hat viel mit Zwängen zu tun ...
Sprenger: Das stimmt nicht ganz. Selbstverpflichtung bedeutet: Klar auch jene Aspekte zu sehen, die einem nicht so gut gefallen, und dennoch "ja" zu sagen vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass ich es mir ausgesucht habe und dass immer etwas fehlt zum Ideal.
mm.de: Wie kann man dem Ideal näher kommen?
Sprenger: Zunächst einmal muss man sehr aufpassen, dass man nicht etwas im Äußeren sucht, was man nur im Inneren finden kann. Wenn ein Mensch grundsätzlich so disponiert ist, dass er immer auf das schaut, was fehlt, wird er das immer und überall tun. Das heißt aber nicht, dass es nicht gute Gründe für einen Wechsel geben könnte, wenn man den Eindruck hat, seine Lebenszeit zu verschleudern.
mm.de: Was machen Menschen, die nichts können?
Sprenger: Wir alle werden als Genies geboren und sterben als Pimpfe, weil wir uns furchtbar zurechtbiegen lassen - es sei denn, man hat mal den Mut, auszusteigen aus dem Sicherheitscontainer. Jeder muss sich natürlich erst einmal darüber im Klaren sein, wo sein Talent liegt. Dieses Talent ist kein Resultat einer Potenzialanalyse, sondern Ergebnis des Ausprobierens.
mm.de: Ausprobieren beinhaltet aber immer ein Restrisiko.
Sprenger: Ja, das Leben ist halt lebensgefährlich.
mm.de: Das heißt auch, je geringer das Risiko, desto größer der Kompromiss. Wie kann man Menschen dazu bringen, dass sie das Verhältnis umkehren?
Sprenger: Gar nicht. Von außen ist das ausgesprochen schwer. Die wirklich ehrliche Antwort ist: Man muss die Menschen an ihre Endlichkeit erinnern. Letztlich verplempern die Menschen ihr Leben, weil sie ihren Tod verdrängen. Das gilt auch für Unternehmen. Viele Unternehmen verhalten sich so, wie sie sich verhalten, weil sie vergessen haben, dass sie untergehen müssen. Die stricken unverdrossen an ihrem Ewigkeitsmythos. Das plausibilisiert vieles, was sich unter den Bedingungen bewusster Endlichkeit verböte.
mm.de: Selbst unter Zugrundelegung der bewussten Endlichkeit: Was raten Sie einem Manager, der den üblichen beruflichen Zwängen unterliegt, Haus und Familie hat und die Nase voll von seiner Arbeit?
Sprenger: Gar nichts. Die Frage müsste eigentlich lauten: Wie ist es möglich, alles zu ändern, ohne dafür zu bezahlen? Den Trick gibt es nicht. Ein Preis ist fällig. So oder so. Ich kann aber wählen, wo ich ihn bezahle. Wenn es auch manchmal die Wahl zwischen Pest und Cholera ist. Wer aber sagt: "Du kannst alles tun, und der Preis ist nicht fällig", der wird gewählt, das heißt dessen Zukunft wird bestimmt.
mm.de: Welcher Preis wäre denn fällig?
Sprenger: Das ist sehr individuell. Unter Umständen muss man auf etwas verzichten, Ballast abwerfen und bescheidener leben. Man kann aber nichts verlieren, ohne etwas zu gewinnen. Zum Beispiel Freiheit. Oder Selbstbestimmung. Ob einen das allerdings glücklicher macht, muss jeder selbst entscheiden.
Immer wieder wird mir die Frage gestellt, wie man das Leben ändern kann, ohne auf etwas zu verzichten. Diese Leute wollen nie erwachsen werden. Und in Deutschland ist es sehr beliebt, etwas zu tun und den anderen den Preis zahlen zu lassen. Das nennt man dann soziale Gerechtigkeit.
mm.de: Ist das typisch deutsch, dass keiner gerne Verantwortung übernimmt?
Sprenger: Ich lebe in Deutschland und in Amerika. Im Unterschied zu Amerika lebt man in Deutschland gerne mit der Hand in der Tasche des anderen, bürdet also die Konsequenzen seiner eigenen Lebensführung anderen Menschen auf.
mm.de: Woran liegt das?
Sprenger: An der späten Nationalstaatsentwicklung, an den beiden verlorenen Kriegen und daran, dass das Bedürfnis nach staatlich garantierter materieller Sicherheit in Deutschland eskaliert ist.
mm.de: Warum haben dann trotz sozialer Rundumversorgung alle Angst?
Sprenger: Gerade deswegen. Der Wohlfahrtsstaat nötigt die Menschen, die Verantwortung für ihr Leben sukzessiv abzugeben. Alle Fürsorge schwächt; Initiative und Selbstverantwortung bleiben auf der Strecke. Wenn dann die Sozialstaatskrücken wegfallen, haben die Menschen die Fähigkeit verloren, auf eigenen Beinen zu stehen.
mm.de: Also schafft nur Existenzangst Motivation?
Sprenger: Man muss unterscheiden zwischen Angst und Furcht. Angst ist gegenstandslos und lähmt. Furcht hat einen konkreten Anlass und aktiviert. Die Menschen kommen nur dann aus ihrem Sicherheitscontainer, wenn sie fürchten müssen, dass ihr Lebensglück deutlichen Schaden nimmt. Alle Veränderung resultiert aus Leid.
mm.de: Dafür müssen die Menschen aber auch wissen, welche Ziele sie haben, was sie glücklich macht. Wie findet man das heraus?
Sprenger: Ihre Frage enthält Unterstellungen. Glück und zielorientierte Lebensführung haben wenig miteinander zu tun, obwohl uns das Aristoteles, John Rawls und große Teile der Ratgeberliteratur weismachen möchten. Ganz im Gegenteil. Glück stellt sich ein, ist eigenwillig, das heißt, es hängt nicht wirklich von willentlichem Tun ab. Und ein zielbezogenes Leben ist das unintelligenteste Leben, das ein Mensch führen kann.
Wir leben ja gerade nicht - und das ist auch eines der größten Irrtümer in Unternehmen - um Ziele zu erreichen, sondern wir möchten überrascht werden von etwas, was nicht planvoll herbeigeführt werden kann. Die Erfüllung eines Wunsches ist ja häufig sehr enttäuschend. Das hängt mit dem Paradox zusammen, das ein bestehender Wunsch nicht buchstäblich in Erfüllung gehen darf, um wahrhaft erfüllt zu sein. Es muss etwas Neues, etwas Überraschendes, etwas nicht Erwartbares ins Leben kommen - das ist der einzige Grund, warum wir weitermachen.
mm.de: Damit sagen Sie, dass die ganze Idee von Planbarkeit, die die gegenwärtige Managementkultur wie ein roter Faden durchzieht, ein Irrtum ist.
Sprenger: Man muss nicht das Kind mit dem Bade ausschütten. Wenn man unbedingt meint, Ziele haben zu müssen, reicht es, Richtungen zu formulieren, um Energien zu bündeln. Die sollten dann aber nicht so "motivierend hoch" angesetzt werden, dass man sie gerade erreicht, sondern man sich auch freuen kann, wenn man übers Ziel hinausschießt. Man muss offen bleiben für die Dinge, die jenseits des engen Zielkorridors liegen. Man muss offen sein für das Zufällige.
mm.de: Wenn man im Job offen ist für das Zufällige, wird man wahrscheinlich nicht besonders viel Rückhalt beim Chef und den Kollegen haben.
Sprenger: Deswegen wird von der SPD das Jahr der Innovation eingeläutet. Immer wieder wird verzweifelt versucht, dem Unternehmen Kreativität einzuhauchen - genau die Kreativität, die man dem Betrieb vorher planvoll ausgetrieben hat. Wenn man aber der Kreativität Raum geben will, dann muss man den Rechtfertigungsdruck zurückfahren. Und das wird in vielen Unternehmen versäumt.
mm.de: Wie können sich Manager in diesen Unternehmen wohl fühlen?
Sprenger: Zunächst einmal muss man anerkennen, was ist. Das ist schon ausgesprochen schwierig. Die allermeisten Menschen sträuben sich ein Leben lang dagegen.
mm.de: Meinen Sie damit eine Situationsanalyse?
Sprenger: Nein, viel bescheidener. Es geht darum anzuerkennen, dass die Situation, in der ich lebe, von mir so entschieden wurde. Dass ich sie anderen Optionen vorgezogen habe. Viele sagen: "Das ist mir so passiert. Ich bin hier so hingespült worden." Als ich im Außendienst war, war ich von Kollegen umgeben, die die Haltung hatten: Eigentlich möchte ich woanders sein. Diese Menschen waren zur Selbstmotivation kaum in der Lage.
mm.de: Die ewige Geschichte vom falschen Leben.
Sprenger: Die Idee davon, nicht verantwortlich zu sein, geht einher mit Fantasien, das es woanders besser sein muss. Zunächst also ist es ganz wichtig anzuerkennen, dass der Status quo meines Lebens von mir so gewählt ist. Wenn dieser Punkt klar ist, kann ich darüber nachdenken, dass ich auch anders entscheiden kann. Und dass ein Preis dafür fällig ist. Dann kann man über die Frage nachdenken: Was ist mir wirklich wirklich wirklich wichtig? Worum soll es in meinem Leben denn eigentlich gehen - und auch im Job? Worauf will ich nicht verzichten?
mm.de: Was könnte denn wirklich wirklich wichtig sein?
Sprenger: Das kann nur jeder für sich selbst sagen.
mm.de: Kann man solche elementaren Bedürfnisse im Job überhaupt befriedigen?
Sprenger: Näherungsweise schon. Es gibt zum Beispiel Menschen, die permanent unter ihren Kollegen oder unter ihrem Chef leiden - egal, wo sie arbeiten. Menschen, die so veranlagt sind, sollten sich einen Job suchen, der es ihnen ermöglicht, möglichst wenig mit Menschen zu tun zu haben. Vielleicht sollten sie sich einfach selbstständig machen.
Ein anderer redet dauernd davon, dass alles klasse wäre, nur das Geld reicht nicht. Das ist gar kein Problem. Es gibt tausende von Jobs, wo man sehr viel verdienen kann - aber kostenlos ist das nicht zu haben. Neulich hatte ich einen Teilnehmer im Seminar, der darunter litt, dass es in der Gegend, wo er arbeitete, permanent regnet. So einer muss dann eben umziehen.
mm.de: Zurück zum Thema Ziele. Wenn man sich Ziele setzt und diese erreicht, dann ist das doch ein guter Grund, glücklich zu sein.
Sprenger: Im Gegenteil. Man ist oft enttäuscht.
mm.de: Warum?
Sprenger: Weil im Regelfall die Zielerreichung mit einer Erwartung befrachtet wird, die vom Tatsächlichen kaum gehalten wird. Wer sich permanent aktionistisch nach vorne wirft, nach dem Motto: "Wenn ich das Ziel erreicht habe, beginnt das Leben", der hat natürlich gar kein Gefühl für den Augenblick. Und der hat auch kein Gefühl dafür, dass das, was jetzt ist, schon vollständig ist.
Wenn so ein Mensch sein Ziel erreicht hat, stößt er auf ein Vakuum und spürt diese Leere. Um die zu vermeiden, wird er sich nach der Zielerreichung sofort das nächste Ziel suchen, um dann gleichsam wieder hinterher zu hecheln. Das wertet die Gegenwart ab, die ohnehin flüchtig genug ist. Ein gelungenes Leben wird nicht von Zielen gezogen, sondern wächst aus der Wurzel.
mm.de: Wie kann man sich von dem Zwang lösen, permanent Ziele erreichen zu müssen?
Sprenger: Die Gnosis sagt: In jeder Erkenntnis steckt ein Funken Erlösung. Ich selbst erwarte nichts in der Zukunft, das besser wäre als es heute ist. Ich erwarte vielleicht ein Anders - aber nicht ein Besser.
mm.de: Wie kann man es persönlich erreichen, in Abwesenheit von Zielen zu leben?
Sprenger: Die Hopi-Indianer sagen: "The Sky is always perfect." Der Himmel richtet sich nicht danach, wie du ihn betrachtest. Das, was ist, ist vollständig - es sei denn, man selbst bringt das Defizit mit. Wenn ich ein Mensch bin, der immer nur das sieht, was fehlt, ist alles unter allen Bedingungen defizitär. Wenn ich mich davon antreiben lasse, renne ich immer hinter etwas her, was noch nicht ist. Die meisten Menschen versuchen diesen Zustand mit Zielen zu kanalisieren.
Ich glaube, dass wir besser beraten sind, uns nicht an Zielen zu orientieren, sondern offen zu sein für das Unerwartbare. Es geht darum, ein spielerisches Leben zu leben, uns überraschen zu lassen. Denn nichts ist schlimmer als wenn tatsächlich eintritt, was wir uns gewünscht haben.
mm.de: Und wie bekommt man dann die Interessen von Chef und Angestellten unter einen Hut?
Sprenger: Sie haben immer zwei Einflussmöglichkeiten. Das eine ist die Person, das andere ist die Situation. Die Einflussmöglichkeit Person - also der andere - ist kaum irritierbar. Was Sie als Unternehmer im Griff haben, sind die Strukturen. Und die Organisation eines Unternehmens spricht natürlich eine ganz bestimmte Sprache. Sie ermutigt unternehmerisches Handeln und Selbstverantwortung oder verhindert sie. Das ist etwas, wo ich als Führungskraft eingreifen kann - zum Beispiel, indem ich eine Vertrauenskultur aufbaue, Freiräume erweitere und Regulierungen wegnehme.
mm.de: Sie fordern von Unternehmen das, was Unternehmen hier zu Lande vom Staat fordern: mehr Freiheit.
Sprenger: Die Unternehmer schimpfen immer auf den Staat. Aber wie sieht es bei den Unternehmen nach innen aus? Die Unternehmen machen mit ihren Mitarbeitern genau dasselbe, was sie beim Staat kritisieren.
mm.de: Wie findet man zu mehr Mut?
Sprenger: Mut resultiert aus einer tiefen moralischen Verwurzelung und aus der Einsicht, dass uns allen unsere Lebenszeit zerrinnt wie Sand zwischen den Fingern.
mm.de: Die Abwesenheit von Zielen ist eine strategische Umorientierung. Umstellungen gehen oft mit ökonomischem Misserfolg einher. Wie lässt sich das mit klassischen Managementidealen vereinbaren?
Sprenger: Die oberste Steuerungsebene von Unternehmen sind drei öffentliche Güter. Das eine ist die ökonomische Wohlfahrt, das zweite ist Legitimität und das dritte die kollektive Identität. Diese drei öffentlichen Güter müssen Unternehmer balancieren. Momentan ist die Balance verloren gegangen, weil sie das "harte" Gut der ökonomischen Wohlfahrt in einer kurzfristigen Sicht beharrlich vorziehen. Wenn Sie einen dieser Aspekte langfristig mit Füßen treten, wird ein Unternehmen nicht überleben.
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