Von Klaus Werle
Und das soll auf einmal falsch sein? So ist es. Denn so wenden wir enorme Energien auf, um etwas zu lernen, was wir eh nicht richtig können und in dem andere immer schon gut gewesen sind. Was hat der kreative Kopf davon, sich mühsam in die Untiefen des Controllings einzuarbeiten, wo er doch darin nie so erfolgreich sein wird wie der Nerd, dem die Formeln und Bilanzen schon seit der siebten Klasse nur so zufliegen?
Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Erfolg im Beruf hat, weil er seine Stärken fördert, ist um 50 Prozent höher, als wenn er seine Schwächen repariert, das haben wissenschaftliche Studien ergeben.
Es ist im Grunde nichts anderes als die alte Idee von den komparativen Kostenvorteilen, die der Ökonom David Ricardo bezogen auf den Handel zwischen mehreren Nationen entwickelte. Danach wird Schweden Schwierigkeiten haben, zum weltbekannten Weinexporteur aufzusteigen und Frankreich es nie in die erste Liga der Rentierzüchter-Nationen schaffen. Wenn sich aber beide Länder auf die Güter spezialisieren, die sie besonders günstig oder besonders gut herstellen können, dann erhöhen sie ihren jeweiligen Wohlstand.
"Spitzenrestaurants haben eine kleine Speisekarte"
Eine relativ neue psychologische Richtung, die sogenannte "positive Psychologie", hat Ricardos Erkenntnisse von der Volkswirtschaft auf den Alltag übertragen. Während sich die traditionelle Psychologie vornehmlich mit Ängsten, Zwängen und anderen dunklen Seiten der Seele befasst, die es zu beheben gilt, will die neue Richtung gezielt persönliche Stärken fördern. Statt des alten "fix what's wrong" lautet ihre Parole "build what's strong". Erste Experimente zeigen: Individuelle Stärken sind gezielt trainierbar, das wiederum erhöht die Lebenszufriedenheit.
Denn sich verbessern wollen ist ja im Grunde nicht verkehrt. Aber es auf möglichst vielen Gebieten zu tun und nur darauf zu schielen, was andere erwarten, das bringt uns nicht weiter. Um gut zu sein, müssen wir weder alles können noch überall mitmischen. Es ist wie in der Gastronomie, die der ehemalige Aldi-Geschäftsführer Dieter Brandes an diesem Punkt gern als Beispiel anführt: "Spitzenrestaurants haben eine kleine Speisekarte."
Nur so können sie ihre Stärken ausspielen, originell sein, kreativ, außergewöhnlich und einzigartig. All diese Dinge, die für Menschen noch viel wichtiger sind als für Restaurants und die ja der eigentliche Antrieb waren für das Streben nach Optimierung. Weil die Maximierung aber gar nicht mehr auffällt, wenn alle perfekt sind, kann es nicht das Ziel sein, immer weiter zu optimieren. Sondern: anders zu werden, unterscheidbar, einzigartig. Manchmal ist gut einfach besser als perfekt.
Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles Buch "Die Perfektionierer". Zuletzt schrieb er über den stressigen Alltag der Very Important Babys .
Lesen Sie nächste Woche: Optimierungswahn - Kapitalismus der Gefühle.
Die Perfektionierer - Teil 1: Very important Babys
Die Perfektionierer - Teil 3: Kapitalismus der Gefühle
Die Perfektionierer - Teil 4: Karriereturbo mit Fehlzündung
Die Perfektionierer - Teil 5: Karriere, Karriere, Knick
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