Von Klaus Werle
Bessere Jobs, attraktivere Körper, schlauere Kinder - der Wunsch nach dem perfekten Leben ist zum Credo des 21. Jahrhunderts geworden. Getrieben von der Individualisierung der Gesellschaft und einem Wertewandel, der Selbstentfaltung zum Leitbild erhob, verwandelten sich die rasant gestiegenen Chancen in einer freieren, globalisierten Welt rasch in Pflichten: Der Einzelne ist in viel stärkerem Maße verantwortlich für Erfolg oder Scheitern, ob im Beruf, im Studium, in der Erziehung oder auch nur im alltäglichen Konsum. Er wird zum "Unternehmer seiner selbst", ständig damit beschäftigt, die Eigenrendite zu maximieren.
Davon hat er natürlich auch selbst etwas - irgendwie, irgendwo, irgendwann. Zunächst aber profitieren viele andere Spieler: boomende Bildungsanbieter wie Nachhilfeinstitute und Privatschulen. Eine wuchernde Lebenshilfeindustrie mit Ratgeberliteratur und Coaches für alle Gelegenheiten. Unternehmen, denen wir als "aktive Kunden" freudig teure Serviceleistungen abnehmen. Sowie ganze Lifestyle-Branchen, die vom Wunsch nach dem ganz Besonderen leben.
Der Einzelne dagegen droht sich in den Paradoxien der Perfektionierung zu verheddern, wenn er versucht, allen möglichen Ansprüchen gerecht zu werden, mit dem Ergebnis, dass er nichts richtig kann. Weil wir uns stets an Vorgaben von außen orientieren, vergessen wir, uns auf das zu konzentrieren, worin wir wirklich gut sind. Und schließlich: Wenn alle den gleichen Idealen nacheifern, sind am Ende möglicherweise alle perfekt - aber niemand ist mehr einzigartig. Und das war doch wohl das Ziel der Optimierung: herauszuragen aus der Masse, etwas Besonderes zu sein.
Einfach mal lockerlassen...
Was wir tun, ist immer ungenügend. Eine ziemlich frustrierende Einstellung, die um sich greift, wie der Absatz von Antidepressiva zeigt. Weltweit gaben die Menschen dafür im Jahr 2000 13 Milliarden US-Dollar aus, 2007 schon 18 Milliarden, und 2010 sollen es 26 Milliarden werden.
Tatsächlich verhindert das ewige Nörgeln genau den Erfolg, zu dem es uns eigentlich antreiben sollte. Das schlechte Gewissen und der Vergleich mit anderen treiben immer weiter in die Optimierung - und gleichzeitig entziehen sie den Mut, wirklich Außergewöhnliches zu leisten, weil sie die Latte immer höher hängen.
Die Forschung hat das bestätigt, etwa mit Untersuchungen bei Golfturnieren. Dabei fiel auf, dass allein die Anwesenheit von Superstar Tiger Woods andere Teilnehmer deutlich schlechter spielen ließ als üblich: Der Vergleich mit dem Überflieger schickte ihr Selbstbewusstsein auf Abwege wie ein schlechter Schlag den Ball in den Bunker.
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