Von Maren Hoffmann
mm: Muss ich bei einer Präsentation ein amerikanisches Publikum anders ansprechen als ein deutsches?
Wenske: Viele amerikanische Sprecher suchen viel mehr Bezug zum Publikum und gehen richtig in das Publikum hinein. Dieses Infotainment fällt uns faktenorientierten Deutschen schwer: "How are you, guys?" Nur, wenn ich als Sprecher an meinem Thema sichtlich Spaß habe und das, was ich erzähle, gerne erzähle, kann ich mein Publikum mitreißen. Amerikaner lieben Geschichten.
Als die britische Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling einmal vor einer Versammlung in Harvard sprechen sollte, sagte sie nach einer sehr knappen Begrüßung sinngemäß: "Die vorangegangenen Wochen von Übelkeit und Angst vor dieser Veranstaltung haben mich dazu gebracht, Gewicht zu verlieren. Eine Win-win-Situation. Vielen Dank dafür. Jetzt muss ich nur noch mit den Augen blinzeln und mir vorstellen, ich sei auf der weltgrößten Zaubererveranstaltung." Super, oder? Sie erzählt von ihrer Angst, und das Publikum ist sofort auf ihrer Seite.
Wichtig ist der Einstieg. Eine gute Möglichkeit sind Einstiegsfragen: "How many of you don't want to be here today?", "How many of you do want to be here?", "How many of you didn't raise your hands?" Gehen Sie gleich an das Publikum heran. Verlieren Sie die Angst davor, in das Publikum hineinzugehen. Sie können Ihr Publikum sogar anfassen. Aber das muss natürlich immer der Situation angemessen sein. Sie müssen authentisch wirken.
mm: Würde das auch bei einer deutschen Veranstaltung funktionieren?
Wenske: Ich persönlich denke ja. Ich mache es so. Oft gibt es dann einen Moment der Irritation: Was macht die Frau da vorne jetzt? Es gibt eine größere Distanz zwischen Sprecher und Publikum, die Leute sitzen geistig mit verschränkten Armen da. Das zu knacken, ist schwieriger. Wenn man da zu stark hineingeht, provoziert man Abwehrhaltungen. Das ist in Amerika anders.
mm: Wie kann man diese Lockerheit lernen?
Wenske: Ich frage meine Kunden: Was in Ihnen müssen wir wecken, um zu dieser Leichtigkeit zu finden? Ich kann ja niemandem befehlen: Jetzt haben Sie mal ein bisschen Spaß. Ich muss den Punkt in den Leuten finden, der sie dazu bringt, Spaß zu haben.
mm: Wer in Amerika reüssieren will, muss ja auch die Kunst des Small Talks beherrschen.
Wenske: Ja, es gibt generell mehr Small Talk. Wir Deutschen haben eher Angst vor dem Belanglosen - über das Wetter zu reden, ist uns zu oberflächlich, es geht dann immer gleich um Klimawandel.
mm: Was sind Tabuthemen?
Religion sollte man eher meiden; Politik geht nur situationsabhängig. Sie können problemlos nach dem Gehalt Ihres Gegenübers fragen, aber Dinge, die für uns normal sind, wie etwa kurz die Hand auf den Rücken des Gesprächspartners zu legen, können in Nordamerika schon als sexuelle Anspielung gedeutet werden. Wären Sie ein Mann, und wir wären in Amerika, müssten wir für dieses Interview die Tür zum Flur offen stehen lassen, damit jeder sehen kann, dass hier nichts passiert. Das gilt auch für Kanada: Als ich in Toronto an der Universität gearbeitet habe, musste ich bei Gesprächen mit den männlichen Studenten stets die Tür geöffnet lassen. In der Geschäftswelt muss man bei Körperkontakten sehr viel vorsichtiger sein, als das hierzulande üblich ist.
mm: Trainieren Sie mit Videoaufnahmen?
Wenske: Nein. Kaum jemand kann sich selbst objektiv auf einem Video beurteilen. Die meisten reagieren auf solche Aufnahmen eher mit Sätzen wie "Oh Gott, wie sehe ich denn aus." Da ist ein direktes Feedback des Trainers weitaus hilfreicher. Meistens steckt eine Ablehnungsangst dahinter, wenn jemand sich vor Publikum nicht wohlfühlt : Was ist, wenn ich etwas falsch mache, was ist, wenn mein Publikum mich nicht mag? Man coacht nicht nur das Auftreten in einer Fremdsprache, sondern auch den persönlichen Auftritt insgesamt. Allerdings tritt man in jeder Sprache auch anders auf - das merke ich bei mir selbst: Wenn ich englisch coache, bin ich viel lockerer.
mm: Haben Sie Tipps für das Üben zu Hause?
Wenske: Schauen Sie englischsprachige Filme. Und lesen Sie Kinderbücher. Die sind relativ einfach zu lesen, aber man bekommt ein sehr gutes Gefühl für die Sprache. Letztens habe ich einem Kunden den "Räuber Hotzenplotz" auf Englisch mitgegeben. Er war ganz begeistert. Wenn der Spaß da ist, verschwindet auch die Scheu.
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