Von Eva Buchhorn
mm.de: Der Chefarzt heiratet die Krankenschwester, aber die Chefärztin will keinen Pfleger heiraten.
Kuenzle: Und er sie auch nicht. Die Alternative, einen statusschwächeren Partner zu nehmen, ist in unserem gesellschaftlichen Koordinatensystem für Frauen im Allgemeinen nicht vorgesehen. Aber es gibt natürlich auch andere Gründe, die es Frauen im Topmanagement privat schwer machen.
mm.de: Welche?
Kuenzle: Beim Aufstieg in Spitzenpositionen müssen Frauen nach wie vor mehr leisten und mehr Hindernisse überwinden als Männer. Dadurch ist die Berufsorientierung bei den Frauen oft noch höher als bei den Männern. Um im Wettbewerb um Positionen bestehen zu können, sehen Frauen oft keine andere Lösung, als sieben Tage die Woche alles für den Job zu geben. Wenn sich dann Beziehungsprobleme einstellen, beginnt oft ein Teufelskreis: Der Einsatz für den Job wird noch gesteigert, weil die Beziehung zur "Liebesbeschaffung" nicht mehr taugt. Das verschlechtert die Beziehung weiter, und irgendwann ist es dann eben vorbei.
mm.de: Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Malaise? Wie könnten erfolgreiche Frauen ihr privates Glück retten?
Kuenzle: Vor allem, indem sie ihren "Managerinnenhabitus" nicht mit nach Hause nehmen. Durchsetzungsstärke wird im Job erwartet, im Privaten wird sie oft als Rücksichtslosigkeit empfunden. Wettbewerbsdenken ist Voraussetzung für Erfolg, in der Liebe wirkt es destruktiv. Das Managergehabe abzulegen, rate ich übrigens auch meinen männlichen Klienten: Denn natürlich wirkt es sich auch auf deren Ehen nachteilig aus, wenn der beruflich allgewaltige Gatte am Freitagabend nach Hause kommt und erwartet, dass die Familie in Bewunderung strammsteht.
mm.de: Liebe braucht Zeit füreinander. Zeit haben Manager aber eigentlich nie.
Kuenzle: Weil sie dem Job, außer in akuten Krisensituationen, immer Priorität einräumen. Auch das ist ein Riesenfehler: Wochenenden werden zum Abarbeiten von Unerledigtem genutzt, für Weiterbildungs-Workshops oder berufliches Networking. Eine Beziehung braucht aber unstrukturierte Zeit, damit sich Gespräche über Gefühle entwickeln können. Diese Zeit müssen Karrierepartner sich nehmen. Ich persönlich würde mich überdies freuen, wenn es mehr Frauen und Männern gelänge, sich aus dem alten Rollendenken zu lösen, und demzufolge Männer in privaten Verbindungen nicht zwangsläufig der statusstärkere Partner sein müssten, sondern eine gleichberechtigte, gleichgestellte Partnerschaft leben könnten.
mm.de: Warum?
Kuenzle: Weil sich für Frauen durch diesen Versuch, die traditionelle Rollenverteilung wiederherzustellen - die sie im Beruf ja gerade ablegen wollen - die verfügbare Auswahl an Partnern stark einschränkt, und sich Männer immer in der Rolle der allzeit funktionierenden Versorgers bewähren müssen. Das ist für beide nicht fair. In einer Zeit wie dieser, in der lebenslange Karrieren auch für Männer längst nicht mehr garantiert sind, ist dieses starre private Rollendenken eigentlich überholt.
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