Umso unverständlicher sei es, dass es bei den meisten Unternehmen derzeit weder Schulungen zum Thema noch spezielle Handlungsrichtlinien gebe. "Das wird zu Skandalen führen. Das ist, als würde man mit Ansage gegen die Wand laufen", kritisiert Simon.
Twitter sei vom Konzept her einfach eine "Schwätzmaschine", sagt Schwarz. Das berge Risiken, aber auch Chancen für Unternehmen - etwa beim Marketing. Mit Twitter gebe es eine einzelne große Datenbank, in der man nach Einschätzungen von Firmen und Produkten suchen könne oder eben auch die eigene Meinung kundtun. "Bisher konnten Unternehmen mit massiver Werbung ein positives Bild erzeugen. Jetzt ist aber jede Werbebotschaft absolut transparent", erläutert Schwarz. "Gute Qualität spricht sich schneller rum - schlechte natürlich auch."
Die Unternehmen lernten derzeit "mehr oder weniger schmerzhaft", dass die Verbraucher sich nun effektiv öffentlich melden können, sagt Simon. Es werde bereits an Anwendungen getüftelt, mit denen sich regelmäßig die Unternehmen und Produkten auflisten lassen, die bei Twitter am häufigsten gelobt und kritisiert werden.
Schwarz rät: "Es sollte Pflichtprogramm sein, regelmäßig nach dem Namen des Unternehmens zu suchen und zumindest punktuell einzugreifen." Neben der Standardantwort auf Beschwerdebriefe sei nun auch die rasche Reaktion auf Twitter-Kommentare gefragt. "Das ist lockerer und effizienter. Aber natürlich nimmt auch die Zahl der Anfragen zu." Zudem gebe es immer das Risiko, die Kunden mit plumpen Floskeln und Werbeslogans noch mehr zu verschrecken. "Lügen haben kurze Beine, bei Twitter erst recht."
So manches Unternehmen mag es deshalb vorziehen, auf das riskante "Gezwitscher" vorerst ganz zu verzichten. Das aber ist nach Ansicht der Experten keine Option: "Twitter ist extrem schnell extrem groß geworden. Es geht nicht mehr darum, ob oder ob nicht. Sondern darum, wie man es effizient und sinnvoll macht."
Skeptiker verweisen gern darauf, dass es noch gar nicht lange her sei, dass die Online-Welt "Second Life" auf ähnliche Weise als "Muss für Unternehmen" gepriesen wurde. Viele Firmen steckten Unsummen in die Plattform - die dann nie so bedeutsam wurde wie angekündigt. "Twitter ist eine ganz andere Nummer. Ich würde es als Revolution bezeichnen", betont Schwarz.
Annett Klimpel, dpa
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