Soziale Kompetenz katapultiert auch niemanden auf der Karriereleiter nach oben: "Man braucht sie, aber sie reicht nicht", sagt Thordis Bethlehem, Vizepräsidentin des Berufsverbandes der Psychologinnen und Psychologen. "Man braucht auch Eigeninitiative, Arbeitsdisziplin, kognitive Kompetenz und Motivation. Es gibt sogar Wissenschaftler, die davon ausgehen, dass Motivation der entscheidende Faktor ist." Für den beruflichen Erfolg sei außerdem wichtig, die eigene Position gegenüber anderen durchsetzen zu können, so die Psychologin aus Stuttgart.
Wer zu wenig Dominanz und zu viel soziale Verträglichkeit zeigt, kann sich sogar schaden: "Es kann auch ein Zuviel an Toleranz geben", sagt Thordis Bethlehem, "oder ein Zuviel an Einfühlungsvermögen". Ständig bei den Äußerungen anderer zwischen den Zeilen zu lesen und deren Gefühle und Empfindungen verstehen zu wollen, bindet Zeit und Energie. Und nie "Nein" sagen zu können, berge das Risiko, sich immer mehr Arbeit aufzuhalsen, die eigentlich andere übernehmen sollten. "Das kann zur Überlastung führen", warnt Judith Bergner. "Keiner merkt, dass ich nicht mehr kann, bis ich zusammenbreche."
Selbst wenn es nicht so schlimm kommt, macht der eine die Arbeit und ein anderer die Karriere, ergänzt Anja Kriesch. Wer sich ständig so behandeln lasse wie der Schuhabtreter für alle anderen, werde auf diese Rolle schließlich festgelegt. Das sieht Judith Bergner ähnlich: Anderen regelmäßig die Wünsche von den Lippen abzulesen, in der Hoffnung, deren Sympathien zu gewinnen, birgt zwar die Chance, "Everybody's Darling" zu werden.
Aber man gilt auch schnell als nützlicher Idiot: Schließlich heißt es nicht zufällig "Everybody's Darling is everybody's Depp". Falls das so ist, muss es nicht so bleiben: "Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung", sagt Bethlehem. "Wenn einem klar wird, dass die anderen einen ausnutzen, kann man anfangen dagegen zu arbeiten." Das zu schaffen, ist dann durchaus ein Zeichen von sozialer Kompetenz.
Andreas Heimann, dpa
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