Von Christoph Titz
Harvard ist der ultimative Gradmesser für die US-amerikanische Hochschullandschaft, im Guten wie im Schlechten. Die reichste Universität der Welt - und die bekannteste mit einem Ruf wie Donnerhall - musste zu Beginn der Woche erstmals eingestehen: Die globale Finanz- und Wirtschaftskrise wird auch die Ostküsten-Uni am Charles River hart treffen wird.
Herbst in Harvard: Der Elite-Uni drohen "nie dagewesene Verluste"
Drew Gilpin Faust schrieb am Montag eine E-Mail an alle Mitarbeiter und Studenten. Sie wurde 2007 die erste Präsidentin der Harvard University, die auf einem Vermögen rund 37 Milliarden Dollar sitzt. Oder saß. Der Hochschule stünden "nie dagewesene Verluste" bevor, es komme eine "Zeit der größeren finanziellen Einschränkungen", warnte Faust. Deutliche und späte Worte von einer Universität, die in den letzten Jahren gern mit ihrem wirtschaftlichen Erfolg hausieren ging.
Harvard setzt, was die finanzielle Ausstattung angeht, alles auf die Börsen. Die Fondsmanager der Harvard Management Company (HMC) rekrutieren sich direkt aus der Elite-Universität und streuen das Risiko so breit wie möglich. Ihre Bilanz ist eindrucksvoll: 13,8 Prozent Zuwachs im Jahresdurchschnitt spielten die Manager zwischen 1998 und 2008 ein und verteilten das Vermögen dabei nicht nur US-Aktienmarkt, sondern auch in Europa und Asien und darüber hinaus in Geschäften mit Öl, Holz und anderen Rohstoffen.
So schifften die Finanzjongleure die Uni auch sicher durch die Krise im Jahr 2002, als die Börse in den USA sechs Prozent verlor, während sich die Einbußen Harvards mit 2,7 Prozent bescheiden ausnahmen. Dafür genehmigten sich die Manager selbst fürstliche Boni von bis zu 35 Millionen Dollar in Spitzenjahren - pro Kopf. Das trieb ehemaligen Harvardstudenten und Spendern die Zornesröte ins Gesicht . "Man braucht rund zehn Leute wie mich, nur um das Gehalt von einem dieser Schweine zu bezahlen", fluchte ein Großspender vor vier Jahren.
Gewaltiges Minus bahnt sich an
Diesmal ist alles anders. In der globalen Talfahrt nützt es den HMC-Finanzartisten auch nichts, wenn ihr Geld in Tokio oder Johannesburg auf der hohen Kante liegt. Zwar wies die letzte Bilanz von Ende Juni immer noch einen Gewinn von 8,6 Prozent aus, doch das Portfolio auf dem US-Markt und auch die im Ausland gebunkerten Anleihen stürzten um rund zwölf Prozent ab. Seitdem schwieg Harvard eisern zu den Konsequenzen der Krise für die Uni - bis zum vagen Eingeständnis von Präsidentin Faust.
Das kommende Jahr wird alles andere als lustig für die Universitäten in den USA, denn die Finanzkrise schlägt eine breite Bresche in die Haushalte der Hochschulen. Die Rating-Agentur Moody's Investors Service hat errechnet, den US-Unis drohe allein in diesem Jahr ein Minus von 30 Prozent beim Vermögen. Angerechnet auf Harvards bisheriges Vermögen wäre das ein gigantischer Verlust von über zehn Milliarden Dollar, aber die Universität kommentiert solche Zahlenspiele nicht.
Die Welt-Elite-Uni aus Boston hatte über viele Jahre verblüffenden Erfolg mit ihren Geldanlagen. Nicht alle US-Hochschulen waren in Finanzmarktfragen so gut beraten: So machte die Washington University, größte und älteste Hochschule im Nordwesten der USA, ordentlich Miese mit Wertpapierleihgeschäften. Das ist ein Finanzierungsmodell, über das ein Investmentstratege der Yale University sagt, eine Uni "verdient damit ein wenig, ein wenig, ein wenig - und verliert dann ganz viel". So lief es auch für die größte Uni im Staat Washington: Erst auf dem Klageweg bekam die Uni ihre Wertpapiere vom Finanzdienstleister Northern Trust zurück und vereinbarte einen Vergleich mit 6,6 Millionen Dollar Verlust, wie die US-Tageszeitung "Wall Street Journal" berichtet.
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