Von Klaus Boldt
Drohende Insolvenz
Die Hoffnungen vieler Premiere-Leute, dass Vorstandschef Williams mit frischen Ideen und klugen Entscheidungen Erfolg versprechende unternehmerische Perspektiven eröffnen könnte, zerschlugen sich innerhalb weniger Tage. Über ein Konzept und eine Strategie scheint der gebürtige Neuseeländer nicht zu verfügen, zumindest hat er sie niemandem verraten. Natürlich redet man fortdauernd vom Aufbau einer paneuropäischen TV-Familie. Aber davon reden alle Fernsehsender, einfach weil es nach Strategie klingt und offenen Grenzen und luftigen Möglichkeiten. Die ProSiebenSat.1 Media AG
etwa hat dergestalt ihre abstruse SBS-Übernahme begründet.
Darüber hinaus sollte man bei Williams und Mockridge eine tiefere Kenntnis des deutschen Markts und seiner wichtigen Akteure (etwa der Kabelgesellschaften und Landesmedienanstalten) nicht unbedingt voraussetzen.
Williams operiert wie alle Murdoch-Leute im äußerst schmucklosen Hegemonenstil: Mit den Sparten Marketing, Vertrieb, Verkauf und Kundenbetreuung betraute er kurzerhand drei italienische Manager, die wie Aufsichtsrat Mockridge vom Schwesterunternehmen Sky Italia kommen und vom deutschen Fernsehmarkt bislang nur aus der Zeitung oder aus Erzählungen erfahren haben. Beispielhaft dafür ist etwa ihre Fixierung auf das Satellitengeschäft, was in England (BSkyB) und Italien, wo Murdoch erfolgreich ist, durchaus seine Berechtigung hat, in Deutschland in Anbetracht der mächtigen Kabelnetzbetreiber dem Geschäftsfortgang aber nur eingeschränkt förderlich ist.
Den Rücktritt von Programmvorstand Seger will man an diesem Mittwoch bekannt geben, wenn auch die neuen Quartalszahlen des Senders für Schrecken unter den geplagten Premiere-Aktionären sorgen werden.
Das Zahlenwerk, heißt es intern, sei dramatisch schlecht. Es sei nicht ausgeschlossen, dass Premiere im laufenden Geschäftsjahr einen Verlust von 150 bis 200 Millionen Euro ausweisen müsse. Williams hatte Anfang Oktober einen operativen Verlust (Ebitda) von 40 bis 70 Millionen Euro in Aussicht gestellt.
Mit den Gläubigerbanken verhandelt der Vorstand zurzeit über eine Restrukturierung der Kreditvereinbarungen. Mitte des Jahres hatte Premiere Nettofinanzschulden in Höhe von 224 Millionen Euro. Die Atmosphäre bei den Gesprächen sei gespannt, sagt einer der Teilnehmer. Die Banken könnten eine weitere Finanzierung von Premiere
nur unter der Voraussetzung sicherstellen, dass der Sender die Übertragungsrechte der Fußball-Bundesliga bekomme. Bislang stand der Erwerb auch außer Frage, die Finanzkraft Murdochs schien ihn zu garantieren, ganz abgesehen davon, dass es für die Bezahl-TV-Rechte keinen ernst zu nehmenden Mitbewerber gab. Inzwischen aber ist ein neuer, kapitalstarker Bieter auf den Plan getreten: der zum Disney-Konzern gehörende Sportsender ESPN. Ohne die Bundesliga-Rechte, raunt ein Banker, drohe Premiere die Insolvenz.
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