Von Helmut Reich
Schmutzzulagen und Sinnkrisen
Jürgen Schmidt, Leiter des Konzern-Controllings bei AdCapital, schlägt sich mit einer Vielzahl von Terminen herum: "Zum Teil muss mühsam eine Lücke gefunden werden, um dann Projekte oder strategische Weiterentwicklungen voranzutreiben. Spontane Umsetzung von Ideen können häufig nur außerhalb der Standardarbeitszeiten umgesetzt werden". Er tröstet sich damit, dass es nicht nur ihm so zu ergehen scheint - das sei ein "allgemeines Controller-Problem".
Die oftmals zu beobachtende Schieflage der Work-Life-Balance führt Marc Setzen von der IAC Group nicht auf mangelndes Wissen zurück, sondern vielmehr auf bewusste Ignoranz. "Keiner von uns wurde dazu gezwungen, Manager, Geschäftsführer oder Abteilungsleiter zu sein, und auch das beste Unternehmen kann dem Mitarbeiter nicht die Verantwortung für sein eigenes Wohlbefinden abnehmen", so der Diplom-Ingenieur. Jeder Einzelne besitze Tag für Tag die freie Entscheidungsfreiheit, seine persönliche Work-Life-Balance zu definieren. Lasse diese sich mit dem momentanen Job nicht vereinbaren, müsse man die Konsequenzen ziehen. "Sollten davon einige Unternehmen stärker betroffen sein als andere, wird es dort zwangsläufig ein Überdenken geben müssen", ruft Setzen zum Handeln auf.
Manfred Böyng, Produktionsleiter bei Nordenia Deutschland, stimmt ihm zu: "Ich bin exakt der gleichen Auffassung wie Herr Setzen, wer zwingt uns eigentlich, das zu tun, was wir tun?" Bisher habe er sich mit dem Thema Work-Life-Balance nicht wirklich beschäftigt: "Meine Arbeit war ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Insofern war mein Gehalt auch nie Entschädigung für entgangenes Leben oder Schmutzzulage, sondern verdienter Lohn für gute Arbeit", berichtet Böyng und fügt schmunzelnd hinzu, dass diese neuen Überlegungen nun hoffentlich nicht zu einer Sinnkrise führen.
Ein eindeutiger Verteidiger des Extremjobbings findet sich dann unter den Mitgliedern der manager-lounge doch noch: Für Medienberater Andreas Bode ist der Spaß an der Arbeit extrem ausgeprägt und führt so zu Erfolg, Stressresistenz und Ausgeglichenheit. "Bei einer Runde Nordic Walking bekommt man garantiert kreativere Ideen, die man dann sehr schnell zielgerichtet umsetzen kann, als wenn man gestresst darüber am Schreibtisch brütet", so Bode, "doch da ich ständig von Medien umgeben bin, bekomme ich auch den ganzen Tag Inspirationen. Da ist mein Hobby zum Beruf geworden - und es wird nicht als stressige Arbeit empfunden, weil es Freude macht."
Der Vater von drei Kindern macht gern Überstunden. "Es zählen bei mir und anderen nur die Ergebnisse und kein reines Überstundensammeln. Um die Familie in die Balance einzubinden, zählt nicht die Quantität der gemeinsam verbrachten Zeit, sondern besonders die Qualität. Eine Stunde intensiv mit den Kindern verbracht, kann für diese wie ein ganzer Tag wirken und danach kann man ja weiterarbeiten", sagt Bode und nennt sein Vorbild: "Kinder haben dieses tolle Zeitgefühl - und da können wir uns einiges abgucken".
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