Von Helmut Reich
Hamburg - Jede zweite Führungskraft mit einem Jahresgehalt von über 200.000 Euro arbeitet mehr als 60 Stunden pro Woche - zum Teil sogar deutlich mehr. Dieses Ergebnis einer Studie der Beratung Kienbaum Management Consultants und des Harvard Businessmanagers führte in der manager-lounge zu der Frage, ob ein solches Extremjobbing im Management vertretbar und überhaupt noch zeitgemäß ist?
Doch egal, ob nun 60, 70 oder sogar 80 Stunden Arbeit pro Woche - 46 Prozent der befragten Führungskräfte verneinten die Frage mit der Begründung, dass extreme Arbeitszeiten zulasten der Qualität gehen. Weitere 27 Prozent sagten, dass die Gesundheit, Freunde und Familie wichtiger seien. Nur 14 Prozent erleben in einem hohen Arbeitseinsatz einen Adrenalinkick, der sie motiviert. Und für 13 Prozent der Befragten lautet die einfache Gleichung "mehr Leistung = mehr Geld".
"Ein Hauptproblem ist, dass viele Unternehmen Qualität und Quantität der Arbeit miteinander verwechseln", berichtet Jens-Uwe Meyer, Geschäftsführer des Unternehmens Ideeologen - Gesellschaft für neue Ideen: "Im Laufe eines Tages wird viel Staub aufgewirbelt: Es werden Hunderte von Mails hin und hergeschickt, von denen 80 Prozent problemlos im Papierkorb landen könnten, Meetings angesetzt, die sich rückblickend als unsinnig erweisen, und Projekte weitergeführt, die bei objektiver Betrachtung bereits tot sind, aber durch Überaktivität in einer Art künstlichem Koma am Leben gehalten werden."
Um solche Entwicklungen zu stoppen, startet Meyer in einer großen IT-Firma gerade das Gegenteil: Einen Prozess gegen das Extremjobbing, 20 Prozent Arbeitszeit sollen dadurch freigesetzt werden. "Mehr Fokus, mehr Freizeit, mehr Kreativität, das ist das Ziel", so Meyer. Das Unternehmen mache das übrigens nicht aus Nächstenliebe, sondern aus puren egoistischen Motiven. "Dort hat man festgestellt, dass die eigene Innovationskraft leidet, wenn die Firma aus Extremjobbern besteht - den Führungskräften wachsen über kurz oder lang Scheuklappen".
Das manager-lounge-Mitglied Lothar Kempf pflichtet ihm bei: "Wer 80 Stunden in der Woche oder mehr seinen Job zu meistern versucht, stellt ein Problem für seine Familie und das Unternehmen gleichermaßen dar", so der Vorstand für Human + Intellectual Resources des Maschinenbauers Festo. "Eine Manageraufgabe ist grundsätzlich nicht auf extrem hohe Wochenarbeitszeiten ausgelegt. Effizienz und Effektivität erreicht man durch strukturiertes, organisiertes und transparentes Managen inklusive sichtbarer Menschenführung. Eine hohe Identifikation mit der Aufgabe muss daher nicht automatisch einhergehen mit hohen Wochenarbeitszeiten", sagt Kempf.
Für Sascha Hörl, Teamleiter bei der UBS Deutschland, ist die entscheidende Konstante der Begriff der Balance. "Das fordert von uns allen, eine Selbstdisziplin herzustellen, ohne die Motivation oder den Spaß an "Work" und "Life" zu verlieren. In einem Führungskräfteseminar erwähnte ein Referent, dass es das Ziel sein muss, nicht Work-Life-Balance zu verfolgen, sondern Life-Balance. Ich finde, das ist eine sehr interessante Betrachtungsweise", so der UBS-Banker: Als Manager stehe man in der Führungsverantwortung und das nicht nur für die Mitarbeiter und das Unternehmen, sondern auch für sich selbst.
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