"Lügen bedrohen das System"
Andererseits sei Ehrlichkeit in vielen Situationen am Arbeitsplatz tatsächlich nicht gefordert, sagt Autorin Mayer: "Wenn der Chef fragt, wie es einem geht, dann will er darauf keine detaillierte ehrliche Antwort, und das wissen wir auch." Natürlich hängt vieles davon ab, wie eng das Verhältnis zum Vorgesetzten ist. "Es kann ja durchaus sein, dass man sich private Probleme erzählt", sagt Mayer. Wie viel Ehrlichkeit man sich und wie viel Wahrheit man dem Gegenüber zutraut, sei eben eine Gratwanderung - "jeden Tag wieder".
Je nach Situation wird aber geradezu erwartet, dass man nicht bei der Wahrheit bleibt: "In Bewerbungsgesprächen ist es nicht immer von Vorteil, in jeder Beziehung ehrlich zu sein." Schließlich diene das Vorstellungsgespräch nicht dazu, ein Bekenntnis zur Wahrheitsliebe abzulegen, sondern dazu, sich selbst von seiner besten Seite zu zeigen. Auch hier gibt es allerdings Grenzen: Wer seinen Lebenslauf frisiert oder seine Noten schönt, hat das Spiel überreizt. Solche Lügen können auch Jahre später noch zur fristlosen Kündigung führen.
Das gilt auch für gefälschte oder geklaute Zitate in Examens- oder Doktorarbeiten. "Diese Lügen bedrohen das System", sagt Marc-André Reinhard, der sich an der Universität Mannheim mit dem Thema Lügen beschäftigt. "Das Staatsexamen eines Juristen ist nichts mehr wert, wenn die Inhalte einfach kopiert wurden." Entsprechend sei es auch in anderen Bereichen außerhalb der Wissenschaft: "Lügen, die die Vertragsgrundlage gefährden, sind nicht akzeptabel."
Es komme eben ganz aufs Motiv an, sagt Christine Öttl, Karriereberaterin aus München: "Es ist etwas ganz anderes, ob man lügt um zu betrügen oder um eine Situation zu entschärfen." Den Chef anzulügen, nur um es sich leicht zu machen und mit der Wahrheit nicht anzuecken, verhindert im ersten Moment Ärger. "Aber wer damit nur den Weg des geringsten Widerstandes gehen will, tut sich selbst keinen Gefallen." Lügen sei in solchen Fällen zwar bequem. "Aber dann ändert sich auch nichts an dem, was einem eigentlich nicht gefällt."
Und auch das fast geflügelte Wort "Der Ehrliche ist immer der Dumme" hält Öttl in der Arbeitswelt für falsch: "Ehrlich zu sein und damit berechenbar, das kann einem auch viele Sympathien eintragen." Wer es mit der Wahrheit nicht genau nimmt, schadet dem eigenen Ruf und dann unter Umständen auch der Karriere.
Andreas Heimann, dpa
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