Jens Blum* war in einer unangenehmen Lage. Er sollte seinen Lebenslauf in spanischer Sprache vor zwei Mitarbeitern der Personalabteilung und einem Vorstand des Finanzdienstleisters präsentieren, bei dem er sich für den Aufbau der Vertriebsstrukturen in einer neuen Absatzregion beworben hatte. Doch der angehende Chef schoss ständig quer.
Bei der Bewerbung kalt erwischt: Jetzt bloß nicht die Contenance verlieren
Auch Blums Leistung versuchte der Chef in spe zu schmälern. "So gut sind die von ihnen erzielten Einsparungen bei den Prozesskosten auch nicht - das schaffen wir schon längst", gibt Blum die Anmerkung wider. Doch das war für den Experten mit sachlichen Argumenten leicht zu kontern. "Da merkte man, dass der Chef sich in dieser komplizierten Materie nicht so gut auskannte", kommentiert Blum.
Er blieb - wenn er überhaupt reagierte - stets sachlich und höflich. "Auf die Sache mit der Vokabel habe ich beispielsweise geantwortet: 'Bisher bin ich immer gut verstanden worden'." Dabei gab es durchaus Momente, in denen Blum die Beherrschung schwer fiel. Etwa, wenn der Chef unvermittelt auf die sanfte Tour schaltete. "Super-Lebenslauf, guter Mann - den will ich haben", erinnert Blum sich an die plötzlichen Lorbeeren. "Da hätte ich beinahe gefragt, ob er mich veralbern wolle." Den Vorstand beeindruckte Blums Vorstellung. Wenige Tage später bekam er die Zusage. Anfang März tritt er den neuen Job an.
Lauern auf eine entlarvende Antwort
Ein Stressinterview wie dieses soll zeigen, wie ein Bewerber in belastenden Situationen reagiert. Doch Stressinterviews reinsten Wassers sind selten. Meist übernehmen Personalverantwortliche einzelne Methoden, um die Belastbarkeit anzutesten. Ob in Reinform oder dem üblichen Frage-Antwort-Spiel beigemischt - wer mit Stresstechniken konfrontiert wird, sollte ein paar Grundregeln beachten.
Beim Stressinterview provoziert der Personalverantwortliche den Bewerber: etwa mit sinnlosen Fragen oder Wiederholungen, indem er Bewerberaussagen als unglaubwürdig hinstellt, negativ deutet oder lächerlich macht, indem er negative Eigenschaften oder Verhaltensweisen unterstellt, unsachlich oder gar beleidigend wird. Gängig sind Stressinterviews Experten zufolge bei der Auswahl von Mitarbeitern für Außendienst und Vertrieb, bei der Besetzung von Stellen für Betreuung sozial auffälliger Personen sowie bei Polizei, Armee und im Justizvollzug.
"Wir befürchteten, dass die beiden sich abgesprochen hatten", sagt Krings. Er spielte den Bösen und fühlte dem Jobanwärter auf den Zahn. "Der erzählte beispielsweise, er komme von hier, habe im Nachbarort studiert und sei nun an einer Tätigkeit bei uns interessiert", berichtet Krings. Er habe dann gefragt: "Also bewerben Sie sich bei uns, weil wir hier sitzen?"
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