München - Das Ambiente im Münchner Restaurant Gandl ist gediegen, die Manager sind gut aufgelegt und unterhalten sich entspannt, doch als Dirk Schneemann vor die mehr als 40 Anwesenden tritt, beginnt manch einer von ihnen, merkwürdig unruhig auf seinem Stuhl hin- und herzurutschen.
Jürgen Siegemund, Präsident der Münchener und auch der Frankfurter manager-lounge, bringt es bei der Begrüßung des Gastes auf den Punkt, indem er gesteht: "Ich habe heute morgen in den Spiegel geschaut und überlegt, ob ich überhaupt kommen soll."
Im Stillen beschäftigen sich alle Teilnehmer mit denselben Fragen. Ist da was dran? Was erkennt dieser Mann wohl an den Gesichtern in der Runde? Welche Stärken und vor allem Schwächen kann er ausmachen, die die Teilnehmer selbst vielleicht am liebsten verheimlichen würden?
"Sternenseherei, Kaffeesatzleserei, Humbug", fasst Dirk Schneemann seine eigenen Gefühle zusammen, als er Anfang der 90er Jahre erstmals mit der Methode der Psycho-Physiognomik in Berührung kam. Doch dann überzeugten ihn die Fakten. "Ich war so beeindruckt, ich fing sofort mit der Ausbildung an", erinnert er sich. Vom Erlernten gefiel ihm allerdings längst nicht alles, denn zusätzlich zum Fachwissen über die Physiognomik ging es auch um Aura, Energien, Esoterik.
Also entwickelte er nach der zweijährigen Ausbildung sein eigenes System, das heute als "Schneemann-System" bekannt ist und in manchen Unternehmen im Personalmanagement zum Einsatz kommt, zum Beispiel bei Personalauswahl, Potenzialanalyse und Teamentwicklung.
"Der Mensch ist an und für sich sehr einfach zu lesen, und wir wissen eigentlich auch, wie: Mit dem Bauchgefühl", erklärt Schneemann. "Leider verlassen sich die wenigsten heute noch darauf, selbst wenn sie ein gutes Bauchgefühl haben." Erwiesenermaßen reagiert der Mensch innerhalb von Sekunden auf ein neues, unbekanntes Gegenüber und ordnet ihn in "sympathisch" oder "unsympathisch" ein.
Entlarvend: Bei der Beschreibung eines Menschen hantiert man gerne mit Begriffen wie "engstirnig" oder "schmallippig", schreibt manchem ein "energisches Kinn", ein "offenes Gesicht" oder eine "Denkerstirn" zu, beobachtet "listige Augen" oder einen "leeren Blick", kurz, man urteilt zunächst nach der Optik. Dieses intuitive Verhalten hat Schneemann systematisiert.
"Eine große, runde Nasenspitze beispielsweise deutet darauf hin, dass der Betreffende gut mit Menschen kann und genussfähig ist, und oft spüren wir das auf den ersten Blick", sagt er. Unwillkürlich betasten manche Zuhörer ihre Nasespitze. "Aber das ist eben nur eine Facette", schränkt der Referent umgehend ein und bittet einen Freiwilligen, auf einem Stuhl in der Mitte der Gäste Platz zu nehmen. Dem jungen Manager attestiert Schneemann zunächst, dass die anliegenden Ohren auf ein Bedürfnis nach Harmonie hinweisen. "Und die lange Nase plant gerne." Die zwei klaren Stirnfalten des Managers sind ein Resultat der dahinter liegenden Muskulatur und belegen eine hohe geistige Aktivität.
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