Von Klaus Werle
Mit 15.000 West-Mark, eins zu vier getauscht, kommt der Sachse im Mai 1981 in Hamburg an. Kaisan schlägt sich als Kellner auf der Reeperbahn durch und streift nach Feierabend durch die Kasinos. Er setzt keinen Pfennig, beobachtet nur stundenlang die Kessel und Kugeln, notiert endlose Zahlenkolonnen. Dreieinhalb Jahre geht das so. Der Mann mit dem sächsischen Akzent, Block und Bleistift, immer im gleichen Anzug, wird belächelt: Junge, das haben schon ganz andere versucht. Vergiss es.
Denn "der Zufall erzeugt keine Regelmäßigkeit", wie es Thomas Bronder von der "Arbeitsgruppe Spielgeräte" der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) ausdrückt.
Selbst das Gesetz der großen Zahlen, von Laien oft als mathematische Fairnessgarantie verehrt, sagt keineswegs, dass nach 50-mal Rot endlich einmal Schwarz fallen muss. "Die Roulettekugel hat kein Gedächtnis", sagt der promovierte Physiker Bronder, "bei jedem neuen Wurf ist jede Zahl wieder gleich wahrscheinlich."
Kaisan lässt sich von der Naturwissenschaft wenig beeindrucken. Er wird in Hittfeld zum "Kesselgucker": Diese Zahlenartisten, weltweit etwa 40 Spieler, messen die Geschwindigkeit, mit der sich der 50 Kilogramm schwere Roulettekessel dreht, und versuchen abzuschätzen, wohin die gegenlaufende Kugel fällt. "Wie zwei Züge, die aufeinander zurasen und sich irgendwann treffen", sagt Reinhold Schmitt, Chef des Internet-Branchendienstes ISA-Kasinos.
Nur: In jeder Zehntelsekunde springt die Kugel knapp zwei Felder auf dem Zahlenkranz weiter. Vom Losrollen bis zum Satz "Rien ne va plus" bleiben Kaisan keine zehn Sekunden zum Rechnen und Setzen. Wenn die Kugel zu schnell läuft oder der Croupier den Kessel nicht gleichmäßig anstößt, muss auch der Sachse passen. "Aufhören, wenn's nicht läuft" ist sein oberstes Prinzip.
"Trotzdem war ich überzeugt, dass man Roulette berechnen kann", sagt er. Der Perfektionist denkt nicht in Kategorien wie Glück oder Pech, sondern in Wahrscheinlichkeiten. Die gefallenen Zahlen notiert Kaisan nach seinem eigenen Schema: "Irgendwann zeichnet sich an einer Stelle eine Häufung ab, eine Art Berg." Dort setzt er dann, meistens "Plein, vier vier", also eine Zahl und ihre vier Nachbarn jeweils rechts und links. "Am besten funktioniert es, wenn der Kessel einen leichten Fehler hat, eine Neigung, eine Unebenheit im Lack."
Mitte der 80er Jahre entdeckt "der Sachse" in Hittfeld bei Hamburg seinen Traum: "Ein American Roulette, große Fächer, eine schwere Kugel, die nicht hoppelte, sondern aufschlug wie ein Stein." Der Sachse setzt, und wie: 3600 Mark pro "Schuss", das Maximum. Alle zwei Minuten. Möglicher Gewinn: 14.000 Mark. Kaisan spielt bis zu 14 Stunden täglich, 300 Tage im Jahr. Gewinnt 70.000 Mark in 6 Wochen, in Bremen 100.000 in 14 Tagen.
© manager magazin online 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH