Von Karsten Langer
"Bei uns herrscht keine Lötkolbenromantik"
Binder bringt sein Engagement an der TU bisher zwar Wissen, aber keine Ingenieure. Noch kann er den personellen Engpass verschmerzen. In seiner Marktnische ist das Unternehmen Weltmarktführer, außerdem kann sich Binder noch auf seinen Standortvorteil verlassen.
Er ist eingebunden in die Wirtschaft vor Ort, schloss tragfähige Kompromisse mit den Gewerkschaften, profitierte von der Arbeitsmoral seiner Mitarbeiter und den logistischen und administrativen Vorzügen des Standorts Deutschland. Trotz hoher Fertigungs- und Forschungskosten stimmen die Margen.
Die Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, zweifelt Binder keine Sekunde an: "Ich bin der Meinung, dass Deutschland ein hervorragender Standort für High-Tech-Produkte ist. Ich kenne meine Belegschaft, wir haben großes Vertrauen zueinander. Außerdem schätze ich die Flexibilität der Mitarbeiter. Auch persönlich möchte ich mich aus Süddeutschland nicht verabschieden." Erst kürzlich wurde das neue Forschungszentrum in Tuttlingen eingeweiht - für das nun die Ingenieure fehlen.
Jeder Ingenieur steigert den Umsatz um 2 Prozent
Um sich aber langfristig gegen die internationale Konkurrenz durchsetzen zu können, muss Binder weiter in Forschung und neue Produkte investieren. Wenn er das nicht tut, geht der mühsam erarbeitete Marktvorsprung schnell verloren. Das weitere Wachstum hängt ab von neuen Entwicklungen und Ideen, rechnerisch sorgt jeder neue Ingenieur für ein Umsatzplus von etwa zwei Prozent und mindestens zwei weitere Arbeitsplätze in Produktion, Logistik und Verwaltung.
Warum die Ingenieure Binders Ruf nicht folgen? Auf der Suche nach Ursachen schwingt erstmals Ratlosigkeit mit in der selbstbewussten Stimme des erfolgreichen Unternehmers: "Der Standort Tuttlingen ist wohl für viele nicht attraktiv genug, außerdem bevorzugen die jungen Leute große Unternehmen, dort ist es kuscheliger. Bei uns herrscht keine Lötkolbenromantik." An der Bezahlung liege das mangelnde Interesse nicht, betont Binder.
Mit seinen Problemen steht Mittelständler Binder nicht allein da. Auch anderen innovativen Unternehmen sind die Unwägbarkeiten des deutschen Personalmarkts zur Genüge bekannt. Nach einer aktuellen Studie des Verein deutscher Ingenieure (VDI) hat jedes vierte Unternehmen in Deutschland gegenwärtig Probleme, offene Ingenieurstellen zu besetzen.
Ob EADS
, Bosch, Siemens
, Linde
, Drägerwerke
, Jungheinrich
, Kärcher, Trumpf oder Voith: Gesucht werden vor allem Maschinen-, Flugzeug- und Fahrzeugbauer, Entwicklungsingenieure, Elektro- und Medizintechniker.
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