Von Ernst Pöppel
Was sind äußerliche Merkmale eines Raumes, die der Kreativität förderlich sind? Ich nenne hier einiges, das mir an Büroräumen vor allem von kreativen Menschen aufgefallen ist. Es mag verwunderlich scheinen, doch fällt mir als Erstes der Ausblick ein. Ich muss aus dem Raum herausschauen können; mit dem Herausschauen wird eine Verbindung mit der Außenwelt hergestellt und aufrechterhalten.
Der Blick durch das Fenster ist also nicht (nur) dazu da, den Geist in die Ferne schweifen zu lassen, sondern den Geist im eigenen Raume zu verankern, und um sicherzustellen, wo man in der Welt ist. Dem Blick durch das Fenster entspricht der Blick auf Bilder.
Ich kenne eigentlich keine Büroräume, in denen nicht Bilder an der Wand hängen, und diese Bilder haben nichts mit dem unmittelbaren Aufgabengebiet zu tun.
Wird das Büro individuell ausgestattet, sind es fast immer Bilder, die einen persönlichen Bezug haben, und damit den Raum in eine persönliche Umwelt formen. Der Blick durch das Fenster und die Bilder an der Wand erhöhen die Diversität, und sie sind damit im Sinne einer evolutionären Kreativität wichtige Elemente für neue Bezüge und manchmal ungewöhnliche Einfälle.
Wo sollten Büros eigentlich liegen? Als ich am Massachusetts Institute of Technology (MIT) arbeitete, hörte ich von einem bedeutenden Kollegen: Kreativität findet in einem Radius von 50 Metern statt; und ich möchte hinzufügen: Kreativität entfaltet sich besonders gut, wenn man es nur mit zwei Dimensionen zu tun hat.
Wenn man in ein anderes Stockwerk gehen muss, um mit jemandem einen Fall zu erörtern, findet schon ein Einbruch der Kreativität statt. Man denkt und handelt in der Ebene, und hierbei spielt der Türrahmen eine wichtige Rolle. Wie viele gute Gespräche finden im Türrahmen statt; man hat etwas gesagt, und im Hinausgehen fällt einem noch etwas ein.
Der Türrahmen ist in gewisser Weise auch ein Symbol: Wenn man kreativ gewesen ist, dann muss es mitgeteilt werden, dann muss man durch die Tür gehen, und es anderen sagen. Wirkliche Kreativität kann nicht eingeschlossen bleiben; sie will mitgeteilt werden. Aus dem Drei-Sekunden-Fenster der subjektiven Gegenwart heraus möchte man anderen zurufen: "Heureka" - Ich hab's gefunden.
© manager magazin online 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH