Von Karsten Langer
Herr von Senger, wieso sollten sich Manager mit den 36 Strategemen beschäftigen?
Listenforscher Harro von Senger geboren 1944, ist seit 1989 Professor für Sinologie an der Universität Freiburg i. Br. und Experte für chinesisches Recht des Schweizerischen Instituts für Rechtsvergleichung (Lausanne) sowie seit 2001 Dozent an der Generalstabsschule der Schweizer Armee. Er promovierte 1969 in Jura (Universität Zürich) und 1981, nach langen Studienaufenthalten in Taiwan, der Volksrepublik China und Japan, in klassischer Sinologie (Universität Freiburg i.Br.). Er hat zahlreiche juristische und sinologische Fachveröffentlichungen vorgelegt. Einem größeren Publikum wurde er durch sein Werk "Strategeme" (12. Aufl. 2003, in zwölf Sprachen übersetzt) bekannt.
Ein Gewinn, den Manager aus dem Studium der Strategeme ziehen können, ist die Überwindung der Listenblindheit. Indem man die List erkennt, kann man sie durchschauen und durchkreuzen. Außerdem ermöglicht einem die listige Sichtweise einen anderen Blick auf Problemlösungen. Die 36 Strategeme sind aber kein Kochbuch mit Rezepten für die buchstabengetreue Umsetzung. Den konkreten listigen Weg muss der Manager selbst herausfinden.
mm.de: Dienen die Strategeme dem Angriff oder der Verteidigung?
von Senger: Die Strategeme können offensiv oder defensiv angewendet werden. Die hochgradige Listsensibilität vieler Chinesen, vor allem in Führungspositionen, wirkt wie ein Schutzschild. Der Gesamtzugriff auf die Ressource List eröffnet einen umfassenden Einblick in eine Vielzahl denkbarer Varianten destruktiven listigen Verhaltens. Gerade die Strategemprävention, also das Vorbeugen, müsste Managern am Herzen liegen.
mm.de: Warum gilt die List im westlichen Kulturkreis als amoralisch?
von Senger: Im Vordergrund des modernen westlichen Denkens steht die Aufklärung mit ihrem Streben nach Licht und Klarheit. Diese einseitige Hinwendung zum Licht muss auf Chinesen mit ihrer Yin-Yang-Symbolik einseitig wirken. Yang bedeutet der Himmel, die Sonne, den Mann, das Licht und die Nicht-List. Yin steht für die Erde, den Mond, die Frau und für das Dunkle und damit die List. Yin und Yang sind aufeinander angewiesen. Würde man das eine abtrennen, ginge das andere zu Grunde.
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