Von Jan Friedmann
Frau Meyer-Althoff, Sie sollen an der Universität Hamburg Geisteswissenschaftler fit für den Arbeitsmarkt machen. Nur will der Arbeitsmarkt leider keine Geisteswissenschaftler.
Martha Meyer-Althoff: Das ist eine Mär. Die große Zahl an Geisteswissenschaftlern, die erfolgreich in den verschiedensten Berufen arbeiten, sei es als Lektor, Journalist, PR-Fachmann oder Personalverantwortlicher, spricht eindeutig dagegen.
Frage: Trotzdem bekommen Geisteswissenschaftler von allen Seiten eingeredet, sie studierten für die Arbeitslosigkeit.
Meyer-Althoff: Geisteswissenschaftler, die ihr Studium erfolgreich abschließen, schaffen in den allermeisten Fällen auch den Berufseinstieg. Dass sie sich trotzdem ständig verteidigen müssen, ist zum Teil die Schuld der Hochschulen. Sie haben sich lange Jahre nicht um den Verbleib ihrer Absolventen gekümmert. Wer nicht Lehrer oder Professor wurde, geriet aus dem Blickfeld. Wissenschaftler geben ungern zu, dass sie etwas nicht wissen. Als dann die These aufkam, Geisteswissenschaftler würden für nichts oder für die Arbeitslosigkeit produziert, haben wir pflichtschuldig genickt und gesagt: "Jaja, die werden alle arbeitslos." Diese selbst gemachte Prophezeiung entspricht aber nicht der Realität.
Meyer-Althoff: Der Weg in den Beruf verläuft für Geisteswissenschaftler nicht gerade, er ist nicht gebahnt. Absolventen verschiedener geisteswissenschaftlicher Richtungen können den gleichen Beruf ergreifen, andererseits können Kommilitonen eines Faches in sehr unterschiedliche Richtungen gehen. Das ist in Studienfächern, die auf eine bestimmte Profession ausgelegt sind, anders. Studiere ich Medizin und schaffe ein bestimmtes Nadelöhr, dann ist klar: Ich werde Arzt oder Ärztin. Bei Geisteswissenschaftlern ist die Übergangszeit komplexer, was wiederum den Legitimationsdruck verstärkt. Manche Geisteswissenschaftler denken dann schnell: "Oje, aus mir wird doch nichts Rechtes."
Frage: Machen sich Germanisten, Politologen oder Soziologen schlechter als sie sind?
Meyer-Althoff: Ich denke ja. Sie bekommen aber auch vom ersten Semester an eingeredet: "Schön, dass Sie da sind, aber Sie wissen ja, dass Sie alle für die Arbeitslosigkeit studieren." Im Rückblick sieht meist alles ganz anders aus. Da erkennen Geisteswissenschaftler, dass auch Übergangsphasen ihren Sinn hatten. Während dieser Phasen haben sie zum Beispiel bewiesen, dass sie sich schnell in verschiedene Themen einarbeiten und auch mal eine Durststrecke durchstehen können. Das sollte man offensiver verkaufen. Aber viele Geisteswissenschaftler schreiben ja nicht mal in ihren Lebenslauf hinein, was sie alles können, weil es angeblich nicht zählt.
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