Herr Geißler, ein Student kommt zu Ihnen in die Sprechstunde und sagt "Ich komme mit meiner Zeit nicht zurecht". Was raten Sie ihm?
Geißler: Ich frage ihn zunächst, warum er das glaubt. Dann wird herauskommen, dass er mit sich selbst nicht zurechtkommt. Der Glaube, dass Zeit etwas vom Menschen Losgelöstes ist, mit dem wir umgehen können, ist eine Fiktion. Vielmehr ist der Mensch ein zeitliches Wesen, er kann nicht über seine Lebenszeit bestimmen. Zeitmanagement fördert die Illusion, der Mensch könne die eigene Zeitlichkeit überwinden. Tatsächlich ist es nichts anderes als Selbstmanagement. Wer über Zeit spricht, spricht über sich selbst, seine Wünsche und Ängste, seinen Stress und seine Langeweile. Ich würde den Rat suchenden Studenten also an sich selbst zurück verweisen.
mm.de: Viele Studenten fühlen sich mit diesem Selbstmanagement überfordert.
Geißler: Die große Herausforderung ist die Strukturlosigkeit des Studiums. Anders als andere Organisationen macht die Universität ja nicht viele Vorgaben. Ich muss selbst entscheiden, wie ich meine Arbeit strukturiere. Außerdem kann man Lernen nicht delegieren. Ich kann nicht sagen: "Bitte gehe für mich ins Sprachlabor und lerne dort Vokabeln." Beim Übergang in den Beruf haben Absolventen dann häufig die Schwierigkeit, diese Selbstbestimmung wieder zurück zu schrauben.
mm.de: Weil sie wieder pünktlich sein müssen?
Geißler: Die Pünktlichkeit hat als klassische Tugend in der Arbeitswelt ausgedient. Heute kommt es darauf an, am Punkt zu sein, das heißt flexibel auf ständig wechselnde Aufgaben und Situationen reagieren. Die Verkörperung dieser neuen Zeitauffassung ist das Mobiltelefon, das die Uhr zunehmend ablöst.
Wenn ich mich heute zu einer Verabredung verspäte, lautet der Vorwurf nicht "du kommst aber spät", sondern "hättest du doch angerufen". Auch das Internet verändert unseren Umgang mit der Zeit: Es hält alles ständig verfügbar, zu jeder Zeit, ohne räumliche Begrenzung. Wir müssen aber unsere eigene Zeit von der Zeitlosigkeit des Internets abgrenzen, indem wir entscheiden, wie und wann wir mit diesem Medium arbeiten. Insofern bereitet das Studium eigentlich sehr gut vor auf die Anforderungen der Arbeitswelt.
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