Von Markus Giesler
Keine Frage, das deutsche Bildungssystem steht an einem Scheideweg. Mehr Liberalismus, Selbstbestimmung und Wettbewerb fordern die einen. Mehr Qualitätskontrolle und Chancengerechtigkeit die anderen. Wege aus der deutschen Bildungskrise gibt es anscheinend genug. Doch haben wir die Courage, sie zu gehen?
Was im romantischen Bild von Innovation noch so erscheint, als wäre es das Natürlichste auf der Welt, stellt sich in Wirklichkeit als unternehmerische Schwerstarbeit heraus. Denn die Beseitigung des deutschen Bildungsnotstands erfordert neben Sachverstand, Geduld und Geld vor allem eines: den Mut zu wirklicher Erneuerung.
Mut kommt von Zumutung. Davon, dass uns veraltete Bibliotheken, unterdurchschnittliche Studenten, überfüllte Hörsäle und kaum internationale Forschung so sehr auf die Nerven gehen, dass wir automatisch auf Änderungsbereitschaft umstellen. Des einen Zumutung erzeugt eben des anderen Mut.
Nicht jedoch in Deutschland. Denn hier scheuen wir Zumutungen mittlerweile wie der Teufel das Weihwasser. Schrauben-König Reinhold Würth brachte es unlängst auf den Punkt: "Wenn die Leute wie ich ins kalte Wasser geschmissen wurden, schwammen sie. Heute lassen wir Gründern ein 30 Grad warmes Mineralbad ein, geben ihnen Schwimmringe um den Bauch und einen schönen Margerita-Drink dazu." Wo ist da noch die Zumutung?
Da geht es den deutschen Bildungsunternehmern ganz ähnlich, denn immer noch speisen wir von goldenen Tellern ohne Rand. Die Professoren verdienen ganz gut (vor allem in der Beratung), die Studenten genießen die Vorzüge eines kostenlosen Studiums, die Regierung schafft es mit ihrer Elite-Semantik schon irgendwie bis zur nächsten Bundestagswahl und die Wirtschaft engagiert sich derweil eben im Ausland.
Mit dem deutschen Bildungssystem verhält es sich also ganz so, wie mit dem Frosch, der in einem Behälter auch dann brav sitzen bleibt, wenn man die Umgebungstemperatur erhöht; und zwar so lange, bis er gar ist und daran zugrunde geht. Wenn man den Frosch aber in kochendheißes Wasser wirft, wird er versuchen, da so schnell wie möglich wieder herauszukommen.
Wer also in Zukunft ein international wettbewerbsfähiges Bildungs- und Forschungsdeutschland will (und das wollen wir doch alle), muss sich immer wieder folgendes fragen: Habe ich den Mut, dafür scheinbar Unzumutbares zu unternehmen?
Es wäre doch toll, wenn es schon morgen hieße: Selbstverständlich lasse ich mich von meinen Studenten bewerten! Klar zahle ich für mein Studium! Sicher lasse ich den Unis ihre Freiheit! Natürlich investiere ich in die Ausbildung von Talenten!
Das alles ist unzumutbar?
Genau deswegen sollten wir es tun.
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