Von Jochen Leffers
Olaf Scholz wählte große Worte. "Wir brauchen eine Innovationskultur", gab der SPD-Generalsekretär als Losung für die Klausurtagung der Sozialdemokraten in Weimar aus. Innovation - da schwingt Fortschritt mit, das klingt nach einer besseren Zukunft, da wabert Hoffnung. Und der Begriff ist hinreichend diffus, dass man nahezu alles darunter verstehen kann.
Mit Verve warben Kanzler Gerhard Schröder, General Scholz und Fraktionschef Franz Müntefering für ihren Vorstoß, "Spitzenhochschulen und Forschungszentren zu etablieren, die auch weltweit in der ersten Liga mitspielen".
Ein, zwei, viele, Harvards sollen also in Deutschland entstehen. Doch dafür erntete die SPD-Führung wenig Begeisterung und viel Spott, selbst in den eigenen Reihen. Die einzigen, die ohne Vorbehalte öffentlich über die Idee mindestens einer deutschen Elite-Universität frohlocken, wollen ihre Stadt oder ihr Bundesland als möglichen Standort ins Spiel bringen.
Genannt wurden die üblichen Verdächtigen von Hamburg bis München, von der RWTH Aachen bis zur Berliner Humboldt-Universität. Daneben wittern auch private Hochschulen Morgenluft, darunter die International University Bremen (ein noch junger Ableger der Rice University aus Texas) und sogar die in Wolfsburg geplante "Auto-Uni".
"Zynische Scheindebatte"
"Ablenkungsmanöver", "Effekthascherei" und "Schaumschlägerei", tönte unterdessen die Opposition. Guido Westerwelle (FDP) sprach von einem "Feigenblatt", der stellvertretende CDU-Vorsitzende Jürgen Rüttgers von einer "Polit-Show". Und der Grünen-Vormann Reinhard Bütikofer nannte das Gerede von der Elite-Uni eine "zynische Scheindebatte", weil es nicht um eine "Verbesserung von Chancen für ein paar wenige Glückliche, sondern um eine flächendeckende Innovation" gehe.
Während sich die Hochschulrektorenkonferenz recht bedeckt hält und auf zusätzliche Mittel hofft, sprach der Rektor der Düsseldorfer Universität von einem "Skandal": Der Staat habe über seine Finanzierung in die Universitäten hineinregiert, "man hat uns zu einer Massenveranstaltung gemacht und damit Qualität vernichtet", zürnte Alfons Labisch. Jetzt ziehe eine "ratlose Partei einen Joker aus der Tasche", so der erboste Rektor weiter. Statt dieser "Pläne ohne Sinn und Verstand" solle der Staat seine Hochschulen "wirklich frei agieren lassen" - wie in den USA und Großbritannien.
Schon bald wird sich zeigen, was vom schönen Plan einer international konkurrenzfähigen Top-Universität übrig bleibt: nichts. Denn die Granden der SPD verfolgen ganz andere, tagespolitische Ziele: Gleich zu Beginn des Superwahljahrs 2004 wollen die Genossen der Union und der FDP ein Thema klauen, konservative Begriffe besetzen, Modernität simulieren.
Mit dem trüben Alltag der ausgehungerten deutschen Hochschulen haben die Träume vom Weltniveau nichts zu tun. Die Universitäten und Fachhochschulen beherbergen mittlerweile zwei Millionen Studenten und platzen aus allen Nähten, obwohl in Deutschland erheblich weniger Schulabgänger studieren können als international üblich. Das ganze Elend der Bildungspolitik ist täglich auf dem Campus zu besichtigen: überfüllte Vorlesungen, rare Laborplätze, miserable Arbeitsbedingungen für Wissenschaftler. Seit Semesterbeginn protestieren Studenten vor allem in Berlin und Bayern, Niedersachsen und Hessen gegen weitere drastische Mittelkürzungen - vergeblich.
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