Von Fredmund Malik
Jeder Traum hat eine Deadline
Es geht nicht um Semantik und schon gar nicht um Wortklauberei. Das Problem ist ernsthafter. Die Visions-Mode hat bestimmten Persönlichkeitstypen Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft, die früher keine Chance in einem gut geführten Unternehmen gehabt hätten: dem Bluffer und Angeber; dem Träumer und dem Scharlatan.
Mit dem Hinweis darauf, wie wichtig Visionen seien, und unter Verweis auf eine bestimmte Art von Managementliteratur, konnte man grobem Unfug einen Anstrich von Legitimität und Wichtigkeit geben. Und noch schlimmer: die Bluffer konnten sich jeder kritischen Diskussion dadurch entziehen, dass sie die Kritiker mundtot machten, indem sie ihnen Mangel an Visionen vorwarfen. Leere Rhetorik und Denunziation konnten an die Stelle einer der Sache dienlichen seriösen Diskussion treten.
Der entscheidende Mangel ist das Fehlen der Unterscheidung von guten und schlechten Visionen. In der gesamten umfangreichen Visions-Literatur findet sich kein einziger Hinweis darauf, wie man das eine vom anderen unterscheidet, wie man eine tragfähige Vorstellung von Unfug trennt, worin der Unterschied zwischen Hirngespinsten und brauchbaren Ideen liegen könnte.
Mit Empörung wird kein Problem gelöst
Nicht nur findet man keine Kriterien, es wurde nicht einmal das Problem erkannt. Als ich einer der emsigsten Autorinnen von Visionsbüchern einmal die Frage stellte, wie sie denn glaube, die Spreu vom Weizen trennen zu können, konnte sie zwar keine Antwort geben, aber dafür war sie empört. Empörung anstelle von Sachverstand kann eine Zeit lang Mode sein, aber damit wird kein Problem gelöst.
In einer Diskussion, wo ich einen Professor einer angesehenen Universität nach einer klaren Definition für "Vision" fragte, antwortete dieser bereitwillig: "A vision is a dream with a deadline". Das ist allemal gut für einen imposanten Anfang eines Vortrages, aber es ist gänzlich unbrauchbar für seriöse Arbeit. Jeder Traum hat eine Deadline, dann, wenn der Wecker klingelt, zum Glück auch jeder Albtraum.
Vorstellungskraft und kühne Ideen sind durchaus Elemente guter Führung. Es muss aber klar zwischen guten und schlechten, brauchbaren und unbrauchbaren Ideen unterschieden werden. Die Exzesse der letzten Jahre sollten Beispiel genug sein.
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