Von Fredmund Malik
Management ist wie kaum ein anderes Gebiet durchsetzt von Modewörtern. Eines der dominierenden der vergangenen Jahre ist "Vision". Ich schlage vor, dieses Wort in einem Unternehmen nicht mehr zu verwenden. Es richtet weit häufiger Schaden an, als es nützlich ist.
Management-Profi jenseits von Moden:
Fredmund Malik
Was ist gut an diesem Wort und was ist gefährlich? Ich bestreite nicht, dass Führungskräfte fähig sein müssen, sich eine Vorstellung über zukünftige Entwicklungen zu machen, dass sie Weitsicht und Vorstellungskraft haben müssen. Das ist nichts Neues; es war immer so, besonders bei jenen Personen, die wir als "Leader" zu bezeichnen neigen.
Wirkliche Größe braucht keine Modewörter
Gerade diese sind aber ohne das Wort "Vision" ausgekommen. Wir finden es weder bei Churchill noch bei Napoleon, bei Mahatma Ghandi und Friedrich dem Großen; auch bei den Unternehmensgründern und Tycoons wie Alfred Krupp, August Thyssen, J. P. Morgan, Henry Ford und Warren Buffet wird man es vergeblich suchen.
Im Duden stand bis Anfang der 90er Jahre unter der Eintragung "Vision" schlicht: "Gesichts- oder Sinnestäuschung", "optische Halluzination" und "übernatürliche Erscheinung als religiöse Erfahrung". Genau das waren für Jahrhunderte die Bedeutungen dieses Wortes. Erst danach wurde hinzugefügt: "jemandes Vorstellung, besonders in Bezug auf die Zukunft entworfenes Bild".
Die im Management verwendete Bedeutung ist sprachlich also jung. Sie hat der Professionalität von Management nicht gedient. Was unter dem hochtrabenden Begriff der "Vision" entstanden ist, hat sich durchwegs als Luftschlösser und Kartenhäuser erwiesen, die beim ersten wirtschaftlichen "Wind" zusammengebrochen sind. So gesehen könnte man sogar von einem "gut gewählten" Begriff sprechen. Das hatten jene, die den Begriff aufbrachten und verwendeten keineswegs im Sinne.
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