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02.10.2003
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Management

"Vergessen Sie die klassische Ausbildung!"

Von Clemens von Frentz

5. Teil: Die Ursachen des Debakels

mm.de: Was schlagen Sie also vor?

Sprenger: Ich sehe da verschiedene Punkte. Erstens: Wir brauchen andere Kriterien beim Thema Personalauswahl. Weg von der Idee "gute/schlechte Führungskraft" - entscheidender ist, ob jemand für seine Führungsaufgabe passt oder nicht.

  "Ein Chef braucht motivierte Mitarbeiter":  Reinhard K. Sprenger

"Ein Chef braucht motivierte Mitarbeiter": Reinhard K. Sprenger

Zweitens: Man muss sich verabschieden von der Idee "Einmal Führungskraft, immer Führungskraft". Ich denke, man muss Menschen die Möglichkeit geben, sich auszuprobieren. Wenn es nicht klappt, dann klappt es eben nicht. Daraus müssen dann die nötigen Konsequenzen gezogen werden.

Drittens: Wenn man nach wie vor ausschließlich Führungskräfte mit hohen Gehältern ausstaffiert, sind strukturell alle Menschen im Unternehmen fehlmotiviert. Man kann niemandem vorwerfen, dass er viel Geld verdienen will. Wenn aber der einzige Weg dahin über eine Leitungsaufgabe führt, darf man sich nicht wundern, wenn am Ende des Tages in der Topetage nur noch kommunikative Versager sitzen. Die dann wieder loszuwerden, ist bekanntlich sehr schwierig. Ich erinnere da noch einmal an das Prinzip der Seilschaften, die auch den Schwachen erst mal vor dem Absturz bewahren.

mm.de: Macht angesichts dieser Analyse die herkömmliche Managementausbildung überhaupt noch Sinn?

Sprenger: Ganz klare Antwort: Nein. Ich glaube, die klassische Ausbildung, wie wir sie derzeit haben, ist sogar kontraproduktiv. Sie erzieht den künftigen Führungskräften genau das ab, was sie für ihre Aufgabe brauchen. Was man dabei überhaupt nicht berücksichtigt, ist der Gedanke, dass ein Unternehmen um die Idee der Zusammenarbeit herum gebaut ist.

Das heißt, ich muss die Mitarbeiter gewinnen für ein gemeinsames Überlebensziel. Und nichts, was ich bislang in Sachen Management gelesen oder gehört habe, hat diese Grundidee im Zentrum. Stattdessen wird den künftigen Führungskräften unter anderem beigebracht, wie sie am effektivsten ihre Ellenbogen einsetzen. Ergebnis: Der Egoismus feiert Triumphe und das Unternehmen leidet.

mm.de: Ihre Ausführungen erinnern mich an die Militärausbildung. Die dient ja auch dem Ziel, aus normalen Menschen mit gesunden Skrupeln "brauchbare Soldaten" zu machen.

Sprenger: Der Vergleich passt. So ähnlich muss man sich das vorstellen.

mm.de: Wenn ich Sie richtig verstehe, müsste es in der Qualifizierung von Führungskräften also weniger um Ausbildung als vielmehr um Bildung gehen, sprich, um die Vermittlung eines Wertekanons, der primär mit Humanität zu tun hat.

Sprenger: So sehe ich das. Um es vereinfacht zu sagen: Ein Chef braucht motivierte Mitarbeiter, und motiviert ist ein Mitarbeiter am ehesten dann, wenn ich ihn anständig behandle. Das geht aber eigentlich nur dann, wenn ich selber ein anständiger Mensch mit einem gewissen Wertekanon bin. Der Mitarbeiter registriert das und er honoriert es durch Loyalität und gute Arbeit.

mm.de: Aber man hört doch immer wieder, dass in den einschlägigen Managerkursen so viel Wert auf die so genannten "Soft Skills" gelegt wird ...

Sprenger: Was da abläuft, ist zum Teil bizarr. Wie soll das funktionieren? "Soft Skills" als Teil des Lehrplans, so wie Wirtschaftsmathematik, Projektplanung und betriebliches Rechnungswesen? Ich bin extrem skeptisch, was das angeht. Aber es ist natürlich ein riesiger Markt, in dem eine Menge Geld für clevere Veranstalter steckt.

Gerade heute noch sprach ich mit einem Manager, der sagte wörtlich: "Wir müssen unsere Führungskräfte betreuen". Da fragt man sich: Was soll das werden? Betreutes Arbeiten? Wir sind doch nicht im Krankenhaus ... Sehr skurril das Ganze.

mm.de: Man hat in der Tat oft den Eindruck einer völligen Konzeptionslosigkeit, wenn man sich das Geschehen im Managementbereich ansieht. Alle 14 Tage gibt es neue Theorien, und je ratloser die Handelnden werden, desto wissenschaftlicher klingen die Abhandlungen.

Sprenger: Gut beobachtet. Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, der nächste Hit wird "Vergessens-Management". Ganz bestimmt. Da wird einem dann beigebracht, wie man diesen ganzen Schmonzes so schnell wie möglich wieder vergisst, damit kein bleibender Schaden entsteht. Wir sollten uns das patentieren lassen.

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